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Junger Kulturkanal

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Frühstücksmusik

Die Fledermaus

Über Konkurrenz, Krankheit und Kostüme

© Anna Titova & Steffi Fiedler

Von Lara Teschers am veröffentlicht.

"Die Fledermaus" - eine Geschichte über Rache, Betrug und Sehnsüchte. Studierende des Studiengangs MusikTheater an der HfM Karlsruhe bringen die beliebte Operette von Johann Strauss auf die Bühne. Ein buntes Bühnenbild, auffällige Kostüme, eine umgeworfene Reihenfolge und natürlich Musik, Musik, Musik: für die Zuschauer gibt es während der Vorstellungen viel zu erleben. Aber auch hinter der Bühne und in den Köpfen der jungen Darsteller ist jede Menge los. 

Ein paar Tage nach der Premiere am 19. Januar hat sich die erste Aufregung bei den Beteiligten ein bisschen gelegt. In einer Sondersendung am Montagabend sprachen wir mit den SängerInnen Sophie Bareis, Flurina Stucki und Merlin Wagner über ihre Erfahrungen bei der Produktion der "Fledermaus".

 

Plötzliche Lungenentzündung: Wie geht es jetzt weiter?

Letztendlich war das heftig, weil ich mich so lange darauf vorbereitet habe. Wenn man dann nicht mitsingen darf, ist die ganze Arbeit für die Katz'.– Merlin Wagner

Merlin Wagner sollte singen. Und er wollte singen. Doch sein Körper machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Während einer Probe ging es ihm nicht gut, kurz darauf lag er mit Fieber im Bett. Diagnose Lungenentzündung. 

Seine Rolle wäre Dr. Falke gewesen, also die Fledermaus persönlich. Zwei Wochen lang lag er im Bett, konnte nicht proben, sich nicht auf seinen Auftritt vorbereiten. Aber woher kam die plötzliche Grippe, und dann die Lungenentzündung? Merlin kennt den Auslöser selbst nicht. Aber das Resultat. Und das hieß, dass er bei der Premiere nicht singen durfte. Ob er überhaupt noch als Fledermaus auf der Bühne stehen würde, war lange unklar. Vorwürfe, nicht auf sich geachtet zu haben und dadurch eine Krankheit provoziert zu haben, macht er sich nicht.

© Lara Teschers

Saskia Franz am Montag im Interview mit Merlin Wagner.

Inzwischen hat sich der Student von seiner Krankheit erholt. Bei uns im Studio macht er einen entspannten Eindruck. Dabei hat er jetzt erst recht Grund genug, angespannt zu sein. Am Sonntagabend nämlich bekam er schließlich Bescheid: Er darf ab jetzt doch singen! Seine erste Vorstellung ist am Dienstag, am 23. Januar. Merlin freut sich darüber natürlich. Aber es ist auch eine Herausforderung. Denn er singt seine erste Aufführung ohne jegliche Orchesterproben. "Schauen wir mal", sagt er optimistisch. 

Krank auf der Bühne

Es ist nicht das erste Mal, dass Merlins Gesundheit nicht zu seinen Plänen passt. Bei der "Fledermaus" wartete er mit seinem Auftritt, bis es ihm wieder besser ging. Aber er ist auch schon einmal krank auf die Bühne gegangen. Damals, während seines Studiums in Würzburg, hatte er eine Rachenentzündung. Obwohl sie beim Auftritt schon wieder auskuriert war, hätte er besser darauf verzichtet. 

Grundsätzlich sagt Merlin, kommt es auch immer auf die Krankheit an, ob er trotzdem singt oder es lässt. "Wenn nur die Nebenhöhlen etwas zu sind, geht das noch. Aber wenn etwas mit der Lunge oder dem Kehlkopf ist, mach ich gar nichts. Das wird nur schlimmer."

Seinen Ausfall bei der Produktion "Die Fledermaus" sieht er als Erfahrung für sein späteres Berufsleben.

Kostümierung: Ist man auf der Bühne ein anderer Mensch?

© Lara Teschers

Flurina Stucki erklärt Konrad Bott, wie sie andere Rollen annimmt.

Für das Ohr ist in der "Fledermaus" - wie bei anderen Operetten auch - viel geboten. Aber auch das Auge will nicht enttäuscht werden. Deswegen ist neben der Stimme auch das Aussehen einer Sängerin oder eines Sängers besonders wichtig, genauer gesagt die Kostüme. 

Flurina Stucki schlüpft in der Inszenierung an der Hochschule für Musik Karlsruhe ins Abendkleid. Ihre Rolle: Rosalinde, die Frau Eisensteins. Sie erfährt im Laufe des Stücks, dass ihr Mann ihr fremd geht. Einen Moment: Sie? Ist jetzt Rosalinde gemeint? Oder Flurina? Nein, natürlich Rosalinde. 

Kontrast zum Alltag

Sich mit Rosalinde zu identifizieren, ist Flurina nicht so leicht gefallen. Sie spielt gerne extreme Rollen, die so ganz anders sind als die Studentin selbst: "Im Alltag nehme ich mich eher als schüchternen, nicht so extrovertierten Menschen war." Auf der Bühne falle ihr das Extreme leichter.

Ein Kostüm hilft, eine andere Rolle anzunehmen. Schon wenn man nur die Schuhe anhabe, bewege und fühle man sich anders, mein Flurina. Das hilft ihr dabei, eine andere Person zu sein und einen anderen Teil von ihr hervorzukehren. 

Aber ein Kostüm kann auch behindern: Zum Beispiel beim Singen. In der "Fledermaus" trägt Flurina zum ersten Mal eine Maske vor dem Gesicht [siehe Titelbild]. Das ist ungewohnt und beeinflusst ihr Singen.

Ich habe mir eher Gedanken darüber gemacht, was Rosalinde für mich ist und nicht darüber nachgedacht, was das Publikum von Rosalinde erwartet.– Flurina Stucki

Wenn Flurina sich in eine neue Rolle einarbeiten muss, schaut sie sich erst einmal die Musik und die Texte an. Wo sieht sie sich selbst in dem Charakter? Gibt es zwischen ihnen Gemeinsamkeiten? Oder Gegensätze? Neben diesen Fragen beschäftigt sie sich damit, welche Möglichkeiten die Rolle bietet. Als Rosalinde ist es ihr möglich, die Böse zu sein. Schließlich lässt Rosalinde ihren Mann Eisenstein auflaufen. Flurina meint, dass das Publikum die Guten mit mehr Applaus bedenkt als die bösen Charaktere. Aber das halte sie nicht davon ab, diese Rollen trotzdem anzunehmen, weil das eben Spaß mache.

Erst- und Zweitbesetzung: Wie gehen die Studierenden mit Konkurrenz um?

© Lara Teschers

Sophie Bareis bei Dominik Schmidt im Interview.

Viele Rollen sind in dieser "Fledermaus"-Inszenierung doppelt (oder sogar dreifach) besetzt: Rosalinde, Dr. Falke, Ida, und so weiter. Auch die Rolle der Adele wird von zwei Sängerinnen gespielt. Eine davon ist Sophie Bareis.

Ein zweischneidiges Schwert

Ihren ersten Auftritt hatte Sophie erst am Sonntagabend. Denn in der Premiere stand eine ihrer Kolleginnen auf der Bühne: Euikyung Kim hatte den Vortritt und durfte am Freitag singen. Das macht Sophie sozusagen zur Zweitbesetzung. Trotzdem war sie bei der Premiere dabei und schaute sich Euikyungs Auftritt an - mit gemischten Gefühlen. Aber Sophie gönnt es ihr: "Es wäre schlimmer, wenn es eine Person wäre, die ich nicht mögen würde."

 

 

 

"Dadurch, dass ich sie sehr, sehr mag, ist es wirklich in Ordnung", sagt Sophie darüber, dass sie ihrer Kollegin Platz machen musste. Außerdem sei ihr schon vorher bewusst gewesen, dass sie selbst wahrscheinlich nicht die Erstbesetzung wird. Denn sie ist gerade in den letzten Zügen des Bachelorstudiums, während Euikyung mit der "Fledermaus" ihren Master beendet. "Sie ist, was das Sängerische angeht, weiter als ich." Außerdem habe für sie der Titel "Zweitbesetzung" keine negative Bedeutung - auch, wenn sie natürlich schon ein bisschen darauf achte.

Jedes Mal, wenn ich sie sehe - auf oder auch hinter der Bühne - kann ich was von ihr lernen.– Sophie Bareis

Sophie und ihre "Konkurrentin" kommen privat gut miteinander klar. Sie lernten gemeinsam ihre Texte, probten auch außerhalb der offiziellen Proben zusammen. Doch trotz gemeinsamer Vorbereitung spielen sie nicht exakt die gleichen Rollen, meint Sophie: "Wir sind sehr verschiedene Persönlichkeiten." Und eine persönliche Note komme automatisch ins Spielen hinein, "weil man ja doch man selbst ist." Genau deswegen sei es auch Blödsinn, dem anderen etwas zu missgönnen: "Man ist nicht dieselbe Rolle, sondern man ist immer noch man selbst und füllt das so gut man kann."

Für beide hat es aber auch Vorteile, dass die Rolle der Adele doppelt besetzt wurde: So half Sophie Euikyung bei der Premiere, ins aufwendige Kleid hineinzusteigen und Euikyung unterstützte Sophie am Sonntag.

© Anna Titova & Steffi Fiedler

Sophie Bareis als Adele.

Die Interviews führten Saskia Franz, Konrad Bott und Dominik Schmidt.

Redaktion: Konrad Bott, Moritz Chelius, Saskia Franz, Dominik Schmidt, Lara Teschers und Jana Thiele.

"Die Fledermaus" - Operette von Johann Strauss ist an folgenden Tagen im Wolfgang-Rihm-Forum zu sehen:

19. Januar (Premiere), 21., 23., 25., 30. Januar, 1. Februar.