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Alles andere als still!

Ein Stummfilmabend im Substage

© Tabea Spengler

Von Tabea Spengler am veröffentlicht.

"Film ab!" Am 17. Juli hat der Déjà Vu – Film e.V. zum ersten Filmeabend im Rahmen des Toujours Kultur Festivals auf dem alten Schlachthof eingeladen. Unter dem Titel „Stummfilmraritäten“ zeigt der Verein rund um den ersten Vorstand Josef Jünger acht Stummfilmprogramme mit selten gezeigten Filmen aus sieben Ländern – darunter Dänemark, Frankeich und China.

Bei der Veranstaltung am 17. Juli standen „Deutsche Stummfilmraritäten“ auf dem Programm. Neben Max Macks Verwechslungskomödie „Der karierte Regenmantel“ von 1917 und vier Werbefilmen der „Pinschewer Film AG“ stand vor allem der 1928 entstandene Kurzspielfilm „Polizeibericht Überfall“ von Ernö Metzner im Zentrum des Abends. Das Besondere: Déjà Vu zeigt nicht nur die Stummfilme, die Filmprogramme werden von Live Musik begleitet. Am 17. Juli haben gleich zwei Pianisten die Filme mit Musik untermalt: Andreas Benz und Leo Perrigo. Für Perrigo war der Abend ein Debüt. Der 27-jährige begleitete sowohl den „karierten Regenmantel“ also auch „Polizeibericht Überfall“. Zum Stummfilm kam er, wie er sagt, durch einen Denkanstoß in der Schule:

Man kann das ganz grob machen, indem man einfach etwas unterlegt, oder man bezieht sich wirklich auf situationsbedingte Aktionen.– Leo Perrigo - Stummfilmbegleiter

Perrigo begleitet die Filme sehr nah am Geschehen. Wiederkehrende Handlungsabschnitte erhalten ähnliche Melodien und Harmonien – ein musikalisches Prinzip, das seit Richard Wagner als Leitmotivtechnik bezeichnet wird. Durch diese Technik gliedert Perrigo die Filme in Sinnabschnitte, die dem Zuschauer das Verständnis der Handlung erleichtern:

Im Film kauft ein Geschäftsmann seiner Frau einen karierten Regenmantel. Als die Frau nach Hause kommt, trifft sie dort eine Freundin, der sie den Mantel für ihr abendliches Date ausleiht. Als die Freundin mit dem geliehenen Mantel das Haus verlässt, kommt der Mann gerade nach Hause und verwechselt die Freundin mit seiner Frau. Verwundert folgt er ihr und glaubt, dass seine Frau ihn hintergeht. Seine Frau verfolgt wiederum ihn... Es kommt zu Verwechslungen und Missverständnissen. Später treffen sich die beiden beim Scheidungsanwalt wieder – beide erzählen ihre Geschichte. Der Anwalt versteht, was vor sich geht, denn er ist der Datepartner der Freundin. Zum Ende des Films werden die Verwechslungen aufgelöst und es kommt zum Happy End.

Leo Perrigo lässt es sich nicht nehmen, auch die besonderen Situationen im Film zu vertonen, und zeigt sich detailverliebt. Mit seinem Klavierspiel zeichnet er die Handlung musikalisch intuitiv nach. Als die Frau schon ihre Sachen packt und das Haus verlässt, fallen Koffer die Treppe hinab. Perrigo spielt dazu einen polternden Bass.

© Tabea Spengler

Andreas Benz - Begleiter der Pinschewer-Filme

Seinem Detailreichtum im Klavierspiel können die Zuhörerinnen und Zuhörer an diesem Abend aber leider nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Durch ein Garagepunk Konzert vor der Tür des Substage war das Publikum in großen Teilen des Abends damit beschäftigt, E-Gitarre und Doublebass auszublenden – ein Störfaktor, der durch bessere Kommunikation und Planung sicherlich zu vermeiden gewesen wäre.

Dasselbe Schicksal ereilte auch Andreas Benz bei seiner Begleitung der Pinschewer-Werbefilme. Vom Gitarrenlärm von draußen lässt aber auch er sich nicht beeindrucken. Unbeirrt gestaltet er die Musik. Neben den Werbefilmen für Schokolade und Aspirin-Tabletten bleibt visuell und musikalisch vor allem ein Zahnpastawerbespot im Gedächtnis. Karies in Gestalt eines Teufels bohrt Löcher in den Zahn und hämmert Stücke heraus. Jedes einzelne brechende Zahnstück findet im Klavier seine Vertonung – die Melodie stockt, der Bass hämmert. Für Andreas Benz steht die Erhaltung der Filme im Mittelpunkt, dafür – sagt er – brauche es die Musik:

In der Konzeption des Abends kommen die Werbefilme gerade im richtigen Moment. Das Publikum muss nicht in großen Zusammenhängen denken und wird super unterhalten.

Nach der Pause folgt das visuelle Highlight des Abends: Ernö Metzners Kurzspielfilm „Polizeibericht Überfall“. Darin geht es um einen Mann, der eine Münze auf der Straße findet. Als er damit Zigaretten kaufen möchte, wird die Münze für eine Fälschung gehalten. Später sieht man den Mann beim Glücksspiel. Als er große Gewinne einheimst, droht er Gaunern zum Opfer zu fallen. Zum Ende des Films wird er mit einem Schlagstock k.o. geschlagen. Das folgende Delirium ist filmisch sehr auffällig und eindrücklich gestaltet. Die Personen sind teilweise doppelt zu sehen, verschwimmen ineinander, wachsen auseinander heraus und verschwinden wieder. Dieses visuelle Verwirrung wird von Perrigo am Klavier exzellent unterstützt. Die Tonarten scheinen zu verschwimmen, immer wieder blitzen Melodiefragmente auf, die dennoch nicht ganz greifbar sind.

© Tabea Spengler

Bei Déjà Vu fliegen die Finger über die Tasten

Durch die in der Pause eingekehrte Ruhe auf dem Vorplatz des Substage konnten die Zuhörerinnen und Zuhörer sich nun ganz auf die Symbiose zwischen Stummfilm und Klavierspiel einlassen. Perrigos Spiel ist subtil und präsent zugleich – nie wirkt es fremd. Musik und Film sind so gut aufeinander abgestimmt, dass man während der Vorstellung beinahe vergisst, dass diese beiden nicht original zusammengehören.

Der dramaturgische Aufbau des Stummfilmabends bildete das perfekte Gleichgewicht aus Witz und Ernsthaftigkeit. Durch die Überschneidung mit dem Punk Konzert hat die Veranstaltung leider an Brillanz verloren. Dennoch hat diese Störung dem herausragenden Spiel von Perrigo und Benz keinen Abbruch getan: Der Stummfilmabend war eine Bereicherung für den Karlsruher Veranstaltungskalender.