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Das weiße unbeschriebene Blatt

Ein Gespräch mit der Band Whitepaper

© Alexandra Gulzarova

Von Alexandra Gulzarova am veröffentlicht.

Die Freiheit zu haben, tun und lassen zu können, was man will - das strebt die Band "Whitepaper" mit ihren Songs an. Seit 2017 machen die 5 Jungs schon zusammen Musik. Alexandra Gulzarova hat sich mit vier Mitgliedern im Büro der Fettschmelze getroffen und sich gefragt, wie es ist nach so einer langen Pause wieder vor Publikum stehen zu können. Wieso die Band den Major-Label Vertrag eventuell doch ablehnen würde und wie Spotify mit kleinen Künstler:innen umgeht, erzählt Whitepaper wohl besser selbst.

 

Nach 2 Jahren konntet ihr endlich wieder auf der Bühne stehen - wie habt ihr euch gefühlt?

Whitepaper: Wir konnten die Situation gar nicht begreifen. Max konnte auch die ganze Nacht nicht schlafen, weil er so aufgeregt war. Es war echt krass. Auch vor dem Auftritt zu realisieren: Ok, das findet wirklich statt und wurde nicht, wie die anderen 20 Veranstaltungen davor, abgeblasen. Das haben wir da noch gar nicht richtig begriffen. Nach dem Auftritt waren wir alle total glücklich und man wusste wieder so richtig, wofür man das macht.  

 

Wenn man nach eurer Band sucht, kommt als musikalische Einordnung „Rock, Pop, Alternative/Independent“. Wie sehr seid ihr mit dieser Beschreibung zufrieden?

Wir sind weder zufrieden, noch haben wir einen besseren Vorschlag. Wenn wir gefragt werden, was wir für Musik machen, schreiben wir uns eher als Schnittstelle von verschiedenen Stilen auf. Von daher ist es eigentlich ganz cool an dieser Schnittstelle zu sein, dann kann man auch in Richtungen gehen, in denen man vorher vielleicht nicht war. Wir wollen Offenheit haben, in dem was wir tun. Das war ja auch irgendwo die Idee hinter „Whitepaper“. Hinter dem weißen unbeschriebenen Blatt, was noch nicht so unbedingt in irgendeine Richtung gehen soll.

© Max Griff

Die neue Single "Breathe" von Whitepaper

Woher nehmt ihr die Inspiration für eure Texte?

Max Griff: Das ist unterschiedlich. Die besten Songs, meiner Meinung nach, waren wirklich Sachen, die mir selbst passiert sind. Manchmal schreibe ich auch über fiktive Sachen. Der Song „Billy Joe“  handelt zum Beispiel über eine fiktive Persönlichkeit, die ich beschreibe. Es ergeben sich unterschiedliche Inspirationsquellen, was halt einen bewegt im Leben.

 

Gibt es einen Grund, warum ihr fast ausschließlich auf Englisch singt?

Vermutlich, weil die Musik, die wir hören vorwiegend Englisch ist und das dann automatisch passiert. Ich glaube, wenn wir an die Musik denken, die wir machen wollen, dann denken wir logischerweise an die Stile, die wir gut finden. Da ist Nachahmung der kürzeste Weg. Beim Singen ist es einfach viel schöner auf Englisch zu singen, weil die Worte nicht so hart klingen. Man kann es besser binden und das macht das ganze viel leichter. Wenn man unsere Texte übersetzen würde, wären sie zwar cool, aber das wäre vom Klangbild sehr anders. Leute sagen aber auch, dass "Kirschblütenzeit" aus unserer ersten EP von der Stimmung her besonders für sich steht, weil er eben auf Deutsch ist.

Zu eurer Musik: ist es euch egal was andere Menschen über euch denken?

Dadurch, dass man sich irgendwann bewusst wird, dass sowas nicht einzuschätzen ist, wie einzelne Sachen beim Publikum ankommen, ist es einfacher sich von der Erwartung abzukoppeln, dass es auf bestimmte Art ankommen muss. Aber es ist schon wichtig, dass man die Leute erreicht. Wenn man dann oben auf der Bühne steht und niemand erreichen könnte mit seiner Musik, dann würde man sich schon doof vorkommen.

Wir wollen ja nicht Musik machen, um Geld zu verdienen, sondern Geld verdienen um Musik zu machen.– Luis Huxel

Stellt euch vor, plötzlich will ein Major Label euch unter Vertrag stellen - sagt ihr ja oder nein?

Erstmal das kleingedruckte lesen, oder? Es kommt auf den Vertrag an. Wenn das Label alle Rechte haben will, dann nein. Ein weiterer Faktor ist, wie selbstständig man schon ist. Wir kommen zwar klar, aber haben trotzdem noch nicht die riesige „Base“ an Leuten, die wir erreichen können. Da wäre ein Vertrag schon eine große Chance. Aber wir wollen ja nicht Musik machen, um Geld zu verdienen, sondern Geld verdienen um Musik zu machen.

 

Bleiben wir mal beim Musikgeschäft - was macht Spotify mit euch als Band?
 
Wir verdienen mit Spotify genug Geld, um den Vertrieb an Spotify zu bezahlen. Mehr nicht. 
Die ganze Musikbranche ist, was die finanzielle Seite anbetrifft schon lange gestorben für kleine Bands. Es ist so wahnsinnig schwer geworden mit den ganzen Streaming-Diensten. Es ist schade, dass man nicht mehr nach einem Konzert sagen kann: „Nehmt mal 'ne Platte von uns mit für 40 €“, stattdessen sagt man: „Hey, sucht uns mal auf Spotify und ihr könnt uns 3 Jahre lang hören und wir kriegen am Ende davon 30 Cent“ . Aber damit müssen die meisten Künstler:innen in der Branche klarkommen. 
Auch dieses Playlist-Paradigma, wenn man einen neuen Song macht hat man im Hinterkopf: Was für Chancen hat der Song in eine Playlist zu kommen? Oder wie müssten wir ihn zurechtschneiden, damit das passt?
Mit langem Intro oder Outro hat man schonmal keine Chance in irgendeine Playlist auf Spotify zu kommen als kleine Band. Das ist, was am meisten am Streaming stört. 
 

Wir verdienen mit Spotify genug Geld, um den Vertrieb an Spotify zu bezahlen.– Luis Huxel

Achtet ihr also beim Songwriting auf den Streaming-Algorithmus?

Wir würden nichts tun, was uns gar nicht gefällt, aber bei marginalen Abwägungen spielt das schon eine Rolle. Die eine Seite an Spotify ist , dass man damit kein Geld verdient und man die Künstler:innen entwertet für die lange Arbeit, die man da reinsteckt. Auf der anderen Seite hat man auch schon viele Künstler:innen entdeckt, denen man jetzt folgt oder sogar auf deren Konzert gegangen ist. Damit haben die kleinen Bands die Chance weiterzukommen. Damals hätte man richtige Kontakte gebraucht oder viel Geld gezahlt damit man im Radio oder TV gespielt wird. 

 

Was müsste sich grundlegend an dem System von Spotify ändern? Habt ihr Lösungsansätze? 

Ja, auf jeden Fall. Es gibt ja auch zurzeit die Diskussion bei Instagram die Anzahl der Likes unsichtbar zu machen, sodass der Algorithmus nicht mehr so beeinflusst wird. Bei Spotify könnte man die monatlichen Höreranzahl ausschalten, damit die Kuratoren, die die Playlisten zusammenstellen nicht auf die Zahlen, sondern auf die Musik achten. Vielleicht wäre es auch cool, wenn Spotify mehr Wert auf Lokale und regionale Musik legen würde. 

Wofür würdet ihr euch entscheiden: Nie wieder Musik hören oder nie wieder Menschen treffen können?

Für uns alle ist Musik das wichtigste Hobby überhaupt . Das Schönste im Leben, aber wenn man es wirklich so betrachtet mit sozialen Kontakten - auch wenn's hart klingt, das Soziale überwiegt, auch wenn es eine sehr schwere Entscheidung ist. Also: Nie wieder Musik hören.

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