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Der Sinn des Musizierens

Thomas Indermühle über Flughafenkontrollen und Publikum in Pyjamas

© Andrés Herrera Pérez

Von Henrike Wagner am veröffentlicht.

Seit 1989 unterrichtet Professor Thomas Indermühle Oboe an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Die Interaktion mit dem Publikum ist für ihn und seine musikalische Philosophie essenziell. Henrike Wagner hat mit ihm über seine Motivation und das Überleben als Musiker in Corona-Zeiten gesprochen.

Henrike Wagner: Was gefällt Ihnen am besten an Ihrem Instrument?

Thomas Indermühle: Dass es direkt von dem Gefühl in den Klang geht. Es gibt, glaube ich, kein anderes Instrument, das so direkt Gefühle ausdrücken kann.

HW: Kann man als Musiker überhaupt ein persönliches Lieblingsstück haben?

TI:  Ja, das kann man, kann aber auch sein, dass es von Zeit zu Zeit wechselt.

Es gibt kein anderes Instrument, das so direkt Gefühle ausdrücken kann.– Thomas Indermühle

HW: Wie ist das bei Ihnen?

TI: Im Moment die Viola Gamba Sonate von Bach, BWV 1029. Das ist ein Stück, was sehr „gebaut“ ist. Man kann sich selbst daran messen, wie man diesen Bauplan klanglich oder artikulationsmäßig ausführt. Lieblingsstücke sind für mich die, bei denen ich mich nicht falsch verhalten kann und die mir helfen, mich selbst zu finden. Wenn es eine längere Pause gab oder eine gewisse Unlust zu spüren ist, dann kommen diese Stücke hervor.

HW: Mehrere Komponisten haben Oboenkonzerte für Sie geschrieben, unter anderem der Karlsruher Komponist Wolfgang Rihm. Wie groß ist das Oboen-Repertoire zum Beispiel im Vergleich zur Geige oder dem Klavier?

TI: Es hat andere Akzente. Wir haben unglaublich viel Barockmusik, zum Beispiel die Konzerte von Couperin, die für Louis XIV geschrieben wurden. In der klassischen Zeit gibt es einen Komponisten, namens Lebrun. Er war bereits mit 15 Jahren Solooboist in dem Mannheimer Orchester, was damals die Stellung wie heute vielleicht die Berliner Philharmoniker hatte. Wenn ich so ein Konzert spiele, dann ärgern sich die Leute immer am Schluss. „Warum kennt man diesen Mann nicht? Das ist ja mindestens genauso so gut wie Mozart!“, sagen sie dann. Wir haben ein großes Loch in der romantischen Musik, hier gibt es ganz wenig Stücke, die original für Oboe sind. In dieser Zeit müssen die Leute einfach schlecht gespielt haben, sodass niemand Lust gehabt hat für die Oboe etwas zu schreiben. Meiner Meinung nach hat man dann zu viel an der Oboe herumgebastelt, um mit Klappen Sachen leichter zu machen. Der Klang wurde schlechter, kleiner und schriller. Und irgendwie waren plötzlich einfach keine guten Spieler da nach Lebrun. Dass man wieder über einen Oboisten gesprochen hat, hat fast bis ins letzte Jahrhundert gedauert. Dann kam Heinz Holliger und hat die Oboe an die Spitze der neuen Musik katapultiert. 

© Privat

HW: Sie sind viel um die Welt gekommen, haben als Solist in den USA, in Kanada, Mexico und Japan gespielt und Meisterkurse im Ausland gegeben. Hatten Sie schon mal Probleme beim Flughafen mit der Oboe?

 TI: Ich habe tatsächlich einmal beim Flughafen Frankfurt vorspielen müssen. Ich war ein bisschen spät dran und ausgerechnet da haben sie in jedes Oboen-Mundstück reingeschaut. Als die Frage aufkam, ob ich denn wirklich der Spieler des Instruments sei, habe ich es genommen, ein Rohr aufgesetzt und das Oboenkonzert von Richard Strauss angefangen. Das ganze erste Solo dauert ein paar Minuten. Als ich aufhörte, bekam ich plötzlich von vielen Schaltern ganz viel Applaus, das war sehr lustig. [lacht] Ich habe das eigentlich nur gemacht, weil ich die Kontrolle beschleunigen wollte – und das hat geklappt.

HW: Welche neuen Erkenntnisse hat Ihnen die Pandemie gebracht?

TI: Meine Erkenntnis ist, dass die Motivation meistens dadurch entsteht, dass man eine Aufgabe zu erfüllen hat. Man motiviert sich durch diese und wächst durch sie. Wenn die Aufgaben wegfallen, sagen wir in Form von Konzerten, ist es schwieriger. Andererseits hat mir die Pandemie viel freie Zeit verschafft, die ich versucht habe, gut zu nutzen. Ich bin fitter geworden, konnte mehr schlafen, war weniger unterwegs und konnte mir selbst mein Essen aussuchen, ohne dass ich mich irgendwo an einen Tisch setzen und das nehmen musste, was kommt.

In solchen Momenten hat man den Glauben an das Gute in unserer Welt sehr nah bei sich.– Thomas Indermühle

HW: Hat die Pandemie Ihrer Meinung nach grundlegende Veränderungen für die Musikwelt gebracht, dadurch dass viel mehr Livestreams und Onlineangebote gemacht wurden?

TI: Man hat gesehen, dass man irgendwie überleben kann, aber als dann wieder Präsenzunterricht möglich war, hat man doch gemerkt, was alles auch fehlt. Die Konzerte, die Kammermusik, Symphonieorchester, Klavierabende – ich hoffe, dass das Bewusstsein für den Wert dieser Dinge gleichbleibt. Der Sinn des Musizierens, die Übertragung von Mensch auf Mensch und das Zusammensein in einem größeren Raum sind nicht das Gleiche wie im Pyjama zuhause bei einem Glas Sherry zu sitzen und zuzuhören. Es ist mir sehr wichtig diese Konzertsituation zu erleben, wo derjenige, der sich vorbereitet hat, genau die gleiche Musik wahrnimmt und die gleiche Meditation durchführt wie das Publikum. Diese Gemeinsamkeit ist mir unglaublich wichtig. Es geht nicht um die Größe oder Wichtigkeit des Termins, sondern um das eigene Gefühl dabei, – dass man in dem Moment mit der Umgebung verschmilzt. In solchen Momenten hat man den Glauben an das Gute in unserer Welt sehr nah bei sich. Völlig unwichtig, ob das die Berliner Philharmonie oder ein kleiner Konzertsaal mit 15 Leuten ist.

Der Sinn des Musizierens, die Übertragung von Mensch auf Mensch und das Zusammensein in einem größeren Raum sind nicht das Gleiche wie im Pyjama zuhause bei einem Glas Sherry zu sitzen und zuzuhören. – Thomas Indermühle