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Die Kunst lebt davon, dass wir unsere Erfahrungen teilen.

Ein Interview mit Prof. Hanno Müller-Brachmann

© Monika Rittershaus

Von Tabea Spengler am veröffentlicht.

Bassbariton Hanno Müller-Brachmann hat die Welt bereist. Mit musikalischen Weggefährten wie Daniel Barenboim und Zubin Metha gastierte er in den berühmtesten Häusern der Welt. Diese Einflüsse und Erfahrungen bringt er seit 2011 in seine Professur an der Hochschule für Musik Karlsruhe (HfM) ein. Im Interview mit Tabea Spengler erzählt er von Begegnungen, dem Unterrichten und was für ihn Heimat ist.

Tabea Spengler:

Sie sind seit 2011 Professor an der HfM. Davor hatten Sie bereits eine steile Karriere mit Musikpartnern wie Zubin Metha oder Daniel Barenboim. Welche Begegnung hat Ihr künstlerisches Leben besonders geprägt?

Hanno Müller-Brachmann:

Ich habe wahnsinniges Glück gehabt, weil ich schon sehr früh mit fantastischen Musikern arbeiten durfte. Das hat mich natürlich sehr vorangebracht. Ich glaube dadurch, dass die Zeit an der Berliner Staatsoper mit Daniel Barenboim so lang und intensiv war – 13 Jahre lang – war das schon extrem prägend. Aber natürlich war auch mein wichtigster Lehrer Rudolf Piernay, bei dem ich viele Jahre studiert habe, sehr wichtig für mich. Oder die Begegnung mit Claudio Abbado oder Nikolaus Harnoncourt  oder oder oder. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen und wo ich aufhören soll. Michael Gielen hat mich geprägt, Kurt Masur hat mich sehr früh gefördert. Das waren wirklich alles große Persönlichkeiten und großartige Musiker, von denen ich sehr Unterschiedliches intensiv und früh lernen durfte. 

Würden Sie sagen, dass Sie auch menschlich von Ihnen lernen konnten?

Zum Teil ja! Es gab auch durchaus mal Zeit, bei einem Glas Wein nach einer Probe oder einem Konzert, für tiefergehende Gespräche. Mit Michael Gielen hatte ich eine intensive Zeit, weil wir zusammen in San Franzisco „Così fan tutte“ gemacht haben. Da waren unsere Ehefrauen dabei, und wir hatten regen persönlichen Austausch. Aber auch mit Simon Rattle auf Tournee anlässlich „25 Jahre Mauerfall“ als wir mit den Berliner Philharmonikern durch die Hauptstädte der osteuropäischen Nachbarländer getourt sind. Das war ebenfalls intensiv, da kommt man sich einfach näher. Und natürlich Daniel Barenboim: Wir haben viele Gastspiele gehabt – in Madrid oder Sevilla zum Beispiel – also es war... es ist ein wildes Leben und ich bin noch keine 50!

Wenn man Kunst aus wirtschaftlichen Zwängen heraus macht, ist man nicht mehr so frei.– Hanno Müller-Brachmann

Und es geht auch wild weiter! Sie sind durchaus noch international unterwegs. Können Sie sich aussuchen, was Sie machen?

Glücklicherweise ja! Ich trete nur auf, wenn ich auftreten will; Ich trete nur auf, mit wem ich auftreten will und ich singe nur, was ich singen will. Das ist natürlich eine absolute Luxusposition. Aber ich glaube, so muss Kunst eigentlich sein. Wenn man Kunst aus wirtschaftlichen Zwängen heraus macht, ist man nicht mehr so frei. 

Sie haben in Freiburg Gesangspädagogik studiert und waren auch schon immer an Pädagogik interessiert. Schließt sich jetzt der Kreis von den Anfängen Ihres Studiums zur Professur?

 

© Monika Rittershaus

Ja, ich glaube schon! Ich habe seit meinem ersten Semester an unterrichtet – das hat mir immer wahnsinnig viel Spaß gemacht – natürlich auf einem anderen Niveau: Also erst einmal Laienchorsänger, die ein bisschen was für ihre Stimme tun wollten. Während der Staatsopernzeit in Berlin hatte ich Lehraufträge an den Berliner Hochschulen. Für mich ist Unterrichten und das Weitergeben von dem, was man selbst bekommen hat, von wunderbaren Lehrern und Musikerpersönlichkeiten, ganz natürlich. Ich denke, das gehört zum Künstlersein dazu und davon lebt die Kunst, dass wir unsere Erfahrungen und unser Wissen teilen und weitergeben. Ob man das jetzt etwas weniger und „en passant“ macht als Künstler oder ob man eine Professur hat und weiterhin natürlich immer Künstler bleibt, ist eigentlich egal. Für mich ist es wirklich 50:50, ich mache immer sowohl das eine als auch das andere.

Würden Sie sagen, dass Sie von Ihren Studenten auch etwas lernen können?

Ja, jeden Tag! Ich lerne durch das Unterrichten auch als Sänger sehr viel, weil ich die Dinge benennen muss, definieren muss – ich lerne immer mehr zu hören und zu analysieren.

2020 ist bisher sehr speziell abgelaufen. Was würden Sie sich für das Hochschuljubiläumsjahr wünschen?

Dass wir feiern können! Es war ganz komisch: Ich saß in der Berliner Philharmonie und wir haben ein großes Oratorium geprobt, was an anderer Stelle bereits aufgeführt wurde. Die Generalprobe für die Aufnahme durch das Deutschlandradio durfte dann schon nicht mehr stattfinden – alle wurden nach Hause geschickt. Und seitdem ist es wirklich schwierig! Also für mich persönlich geht es, aber ganz viele Kollegen haben sehr schwer zu kämpfen.

Meine Studenten konnten jetzt ein digitales Konzert singen, das war wunderbar, und ich habe hier einiges gemacht für die Karlsruher Kirchen in der Passionszeit – digital. Jetzt  freue ich mich sehr, dass das Lockenhausfestival im Juli 2020 im Burgenland in Österreich stattfindet und ich zwei Liederabende geben kann.

Unterricht oder Bühne? Beides.
Lied oder Oper? Beides.
Welttournee oder Heimatkonzert? Beides.

Ich habe immer da gesungen, wo ich herkomme.– Hanno Müller-Brachmann

Was macht ein Konzert in der Heimat für Sie so speziell?

Ich denke, es ist wichtig, dass man vor Ort eingebunden ist und seine Erfahrungen einbringt in der Gemeinde, in der man lebt. So funktioniert gesellschaftliche Vielfalt. Ich habe das immer gemacht. Ich habe immer da gesungen, wo ich herkomme und immer mit Freunden musiziert, egal, ob die viel zahlen konnten oder wenig – aber gleichzeitig eben auch in der Carnegie-Hall. Ich finde das ganz normal.

Wenn Sie Heimatkonzert sagen: Ist es für Sie Lörrach, weil Sie dort aufgewachsen sind, oder Basel?

Lörrach und Basel kann ich schwer auseinanderhalten, da ist ja nur der Rhein dazwischen. Aber für mich, in meinem Herzen, ist da keine Grenze. Ich war in Basel im Knabenchor und das hat mich extrem geprägt. Das Dreiländereck, würde ich sagen, ist meine Heimat.

Ab 25.20 Min. hören Sie Studierende aus Hanno Müller-Brachmanns Gesangsklasse im Rahmen einer Online-Ausgabe der Reihe "Junge Talente – Wissenschaft und Musik" vom 28.05.2020.