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Ein Interview mit dem Mann, der mit tauben Kindern tanzt

„Ich bin mit meinem Beruf verheiratet“

© Jan-Bart de Clerq

Von Clara Schwarz am veröffentlicht.

Jan-Bart De Clerq ist Musik- und Theaterpädagoge an der Semperoper in Dresden und künstlerischer Leiter der Theatermacher in Pirna. Im Interview mit Clara Schwarz spricht er darüber, wie die musikalische Arbeit mit gehörlosen Jugendlichen funktioniert.

Clara Schwarz: Woher kommt Ihr Interesse an der Musik?

Jan-Bart De Clerq: Wir hatten früher ein Klavier zuhause. Meine Eltern erzählen immer, dass ich, als das Klavier gekommen ist, sofort an dieses Instrument gegangen bin- und dann eigentlich 20 Jahre nicht mehr davon weg. Ganz im Gegensatz zu meiner Schwester, die auch Unterricht hatte. Die hat eine Stunde gespielt und schon war es vorbei. Für mich war das Klavier irgendwie schon immer etwas, das mich begleitet hat in meinem Leben. Ich habe auch in einem Chor gesungen und relativ früh Gesangsunterricht genommen. Dadurch wurde ich dann auch relativ schnell an die klassische Musik und vor allem an die Oper herangeführt.

Ich bin mit meinem Beruf verheiratet– Jan-Bart De Clerq

Spielen Sie auch noch andere Instrumente?

Neben dem Klavier, das ich natürlich berufsbedingt spiele, ein bisschen Gitarre. Wenn ich viel Zeit hätte, würde ich gerne Cello lernen. Das finde ich ein sehr schönes Instrument. Im Alltag sind einfach Klavier und Gesang das, was ich am häufigsten nutze.

Warum haben Sie keine reine Gesangskarriere eingeschlagen?

Ich bin ehrlich gesagt nicht so das Bühnentier, also ich bin mehr im pädagogischen Bereich glücklich. Das heißt, ich unterrichte sehr gerne, ich ermögliche gerne anderen Menschen einen guten Auftritt, ich beobachte gerne Menschen. Da habe ich einfach mehr Stärken als im reinen Gesang. Das ist der Grund warum ich auch kein guter Sänger geworden wäre, weil ich diesen Drang, auf die Bühne zu gehen, nicht habe. Deshalb habe ich relativ schnell entschieden, eher hinter den Kulissen zu arbeiten.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Ich wusste nach meinem Studium nicht so genau, was ich machen möchte. Ich wusste, Sänger möchte ich nicht werden, Dramaturgie ist mir zu verkopft, und dann hat mich irgendwann eine Freundin gefragt, warum ich eigentlich nicht Theaterpädagoge werde. Ich habe dann die Aufnahmeprüfung gemacht in der Theaterwerkstatt Heidelberg, und gemerkt, dass genau das mein Beruf sein wird.

Würden Sie sagen, dass Ihre Arbeit für Sie eher ein Beruf oder eine Berufung ist?

Das ist auf jeden Fall eine Berufung. Ich bin mit meiner Arbeit verheiratet, ich brauche Menschen, ich brauche die kreative Arbeit mit Menschen, ich mag´s einfach unglaublich gerne von Null bis zum fertigen Stück mit Menschen zu arbeiten, damit sie am Ende so gut wie möglich auf der Bühne glänzen können.

Das Cochlea-Implantat ist eine Hörprothese für Gehörlose und Ertaubte, deren Hörnerv noch funktionsfähig ist. Die Patienten sind dann imstande, ihren Alltag zu bestreiten, auch wenn sie- einfach gesagt- nicht auf die gleiche Art und Weise wie gesunde Menschen hören können.– Quelle: Wikipedia

2014 haben Sie ein inklusive Projekt mit normal hörenden jungen Menschen und Menschen mit Hörhilfe geleitet. Was war das für ein Projekt?

2014 ist das Cochlea-Implat Institut von der Uniklinik Dresden wegen eines Forschungsprojektes auf uns zugekommen, sie wollten mit unserer Hilfe herausfinden wie sich kreative Arbeit auf ihre Patienten auswirkt. Dann haben wir mit zehn Normalhörenden und zehn Cochlea-Patienten ein Tanz-Projekt namens „Body Talk“ gemacht. Da ging es eben darum, die Körpersprache als unser Element der Sprache zu nehmen. Wir haben dann eine Woche zusammen gearbeitet, und am Ende stand auch eine kleine Aufführung. Das hat super funktioniert. Mittlerweile haben wir die damaligen Teilnehmer auch in unsere anderen Projekte integriert. Wir wollen, dass alle Menschen zu unseren Projekten kommen, egal mit welchem Hintergrund.

Was ist bei der Zusammenarbeit mit jungen Menschen aus Ihrer Sicht besonders wichtig?

Ich denke grundsätzlich, das Allerwichtigste ist, dass man jeden jungen Menschen ernst nimmt, so wie er oder sie ist. Man muss ein großes Interesse haben, die Menschen kennenzulernen in ihren Schwächen und in ihren Stärken. Ich finde auch wichtig, dass man immer seinen Respekt behält. Es gibt natürlich oft Momente, in denen man sich fragt, warum jemand jetzt nicht das macht, was man gerne hätte. Das ist aber auch wichtig bei unserer Arbeit, dass es darum geht, dass wir junge Menschen so sein lassen, wie sie sind, und versuchen, ihnen etwas zu geben, dass die über sich hinauswachsen. Zuhören ist total wichtig, Unvoreingenommenheit auch.

Sie kommen ursprünglich aus Belgien. Was ist dort an „Ihrer“ Branche anders, was würden Sie sich wünschen, von dort zu übernehmen?

Die belgische und niederländische Theaterszene ist ganz anders strukturiert. Wir haben hier in Deutschland vor allem städtische Theater, Staatstheater, Kinder- und Jugendtheater sind meistens da irgendwie auch integriert. In Belgien und Holland gibt es mehr freie Theatergruppen, die nicht an eine Institution gebunden sind und deswegen haben die meistens auch freiere und kreativere Konzepte. Hier in Deutschland ist es ja oft so, dass alles ein bisschen in der Bürokratie hängenbleibt, alles so ein bisschen fester ist - auch im Denken. Die Belgier experimentieren viel mehr, auch in der Pädagogik. Das ist wirklich sehr sehr schön, was die da machen.