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Ein Leben für die Orgel

Weltklasse-Organist Felix Hell im Interview

© Katya Chilingiri

Von Sarah Lindenmayer am veröffentlicht.

Das größte Kompliment ist, dass Menschen sagen: „Ich wusste gar nicht, dass die Orgel ein so expressives Instrument ist“.– Felix Hell

Felix Hell ist Konzertorganist und einer der ganz Großen auf seinem Gebiet. Seine außergewöhnliche Karriere führte ihn schon früh ins Ausland. Bis heute lebt er in den USA und gibt weltweit Konzerte. Im Interview mit Sarah Lindenmayer erzählt er von den Unterschieden beim Konzertieren auf verschiedenen Kontinenten, von seinem besonderen Instrument und davon, was er für die Zukunft geplant hat.

Sarah Lindenmayer:

Sie haben bereits im Alter von acht Jahren mit dem Orgelspiel angefangen. Schon nach kürzester Zeit folgte ein geradezu kometenhafter Aufstieg in die professionelle Musikwelt. Waren Sie ein Wunderkind und noch dazu eins mit besonders langen Beinen?

Felix Hell:

[lacht] Weder noch. Aber es ist durchaus unüblich, dass erstens bei einem Kind das Interesse da ist für die Orgel und auch, dass ich in so frühem Alter bereits angefangen habe, die Orgel zu spielen, denn, wie Sie bereits gesagt haben ist es schwierig, einfach aus körperlichen Gründen, die Pedale zu erreichen. Aber für mich war das damals so eine Begeisterung von diesem Instrument und ich habe meine Eltern versucht zu überreden. Irgendwann fanden wir eine Organistin, die sich bereit erklärte, mir Orgelunterricht zu geben. Aber es dauerte keine drei oder vier Monate, da sagte Sie bereits, es wäre Zeit, den nächsten Lehrer aufzusuchen, der mir ein bisschen besser unter die Arme greifen kann. Und dann ging alles recht schnell. Als Kind bekommt man da ehrlich gesagt nicht so viel mit. Woran ich mich gut erinnern kann war einfach die Freude und der Spaß, den es mir bereitet hat, so ein großes und außergewöhnliches Instrument spielen zu dürfen.

Sarah Lindenmayer:

Wieso ausgerechnet die Orgel?

Felix Hell:

Meine Eltern waren damals mit mir in einem Orgelkonzert im Speyerer Dom. Für mich war das ein unbeschreibliches Erlebnis. Dieser riesige Dom und diese riesige Orgel, die mir einfach den Atem geraubt hat. Nach dem Konzert durften wir auch oben auf die Orgelempore gehen und da sah ich den großen Spieltisch mit fünf Manualen und den ganzen Registern und Pedalen. Nach so einem Konzerterlebnis war das dann natürlich der absolute Hit und ich musste unbedingt eine Möglichkeit finden, dieses Instrument zu spielen.

Sarah Lindenmayer

Mit 13 Jahren sind Sie in die USA gegangen, um an der renommierten Juilliard School in New York zu studieren. Ist so ein Schritt nicht sehr angsteinflößend in dem Alter?

Felix Hell

Für mich war das überhaupt nicht angsteinflößend. Ich bin in einem kleinen Dorf namens Laumersheim in der Pfalz aufgewachsen, fast schon in den Weinbergen. Die Möglichkeit zu haben, in eine Stadt wie New York zu ziehen, dort zu studieren und auch mit anderen Gleichgesinnten zu sein, war für mich unheimlich aufregend. Jetzt, wo ich selbst Vater bin und meine Tochter betrachte, frage ich mich immer mehr, wie meine Eltern mich damals haben gehen lassen können. Ich glaube, dazu gehört ganz schön viel Mut und dafür bin ich den beiden bis heute unendlich dankbar. Aber ausschlaggebend, diesen Schritt endgültig zu tun war, dass ich ein Vollstipendium für die Juilliard School bekommen habe. Und als ich mit meinen Lehrern in Deutschland gesprochen habe, haben die gesagt: „Wenn du so eine Möglichkeit hast; eine Einladung, kostenlos an die Julliard School zu gehen, dann kannst du das nicht ausschlagen.“

© Katya Chilingiri

Sarah Lindenmayer

Sie leben heute in den USA, aber kommen auch immer wieder nach Deutschland. Im direkten Vergleich: Gibt es Unterschiede im Konzertieren?

Felix Hell

Definitiv. Dazu möchte ich sagen, dass ich ehrlich gesagt viel öfter in Deutschland spielen möchte als es mir derzeit möglich ist. Ich liebe die deutschen Instrumente und ihre Vielfalt. Ich habe das deutsche Publikum unheimlich gerne. Die Publiken in beiden Ländern sind auch unterschiedlich. Da kann ich jetzt nicht sagen, dass das eine qualitativ besser ist als das andere, aber es werden andere Qualitäten von Künstlern abverlangt. Die Konzerte in Deutschland sind meiner Ansicht nach formeller. Besonders in Kirchen in dem Sinne, dass oftmals der Applaus bis zum Ende des Konzertes vorbehalten wird. In Amerika ist es vielmehr so, wie man es normalerweise in Konzertsälen erlebt, dass also den Emotionen des Publikums freier Lauf gelassen wird. Aber ich will nicht sagen, dass ich das eine gegenüber dem anderen bevorzuge. Ich denke, dass das einfach in Deutschland andere Qualitäten vom Programm hervorruft. Ich versuche hier, meine Programme noch mehr in sich zu schließen. Das heißt, dass jedes Stück in das nächste überfließt und dass alles viel inniger abläuft. Ich glaube da hat man einerseits mehr Flexibilität in den USA und andererseits eine größere künstlerische Herausforderung in Deutschland.

Sarah Lindenmayer

Die Orgel ist das Instrument des Jahres 2021. Oft wird sie nicht als Konzertinstrument wahrgenommen, sondern eher in der religiösen Ecke verortet. Sehen Sie es als Teil einer neuen Generation von jungen Organisten auch als Ihre Aufgabe an, dem etwas entgegenzusetzen?

Felix Hell

Auf jeden Fall. Ich identifiziere mich selbst zu hundert Prozent als Konzertorganist und nicht als liturgischer Kirchenmusiker. Das muss man klar differenzieren, denn die Rollen und Herausforderungen des jeweiligen Musikers sind ganz unterschiedlich. Als Konzertmusiker möchte man wirklich die Musik und die Kompositionen ins Zentrum stellen. Als liturgischer Organist sollte man genau das Gegenteil machen. Die Musik muss das unterstützen, was im Gottesdienst abläuft. Nun ist es so, dass in vielen Fällen Organisten, die hauptsächlich Kirchenmusiker sind, auch Konzerte spielen. Da fällt es manchmal schwer, diese zwei Stile des Musikmachens zu unterscheiden. Es kann schwerfallen, als Konzertorganist die Rolle eines liturgischen Organisten auszuüben. Gleichzeitig, wenn man es gewohnt ist, als liturgischer Organist im Hintergrund zu bleiben, dann auf einmal Konzerte zu spielen, ist auch nicht immer einfach. Deswegen denke ich, dass ich in meiner Rolle als Konzertmusiker einfach die Erfahrung, das Training und das Mindset habe, den Leuten kein liturgisches Erlebnis zu geben, sondern ein Konzerterlebnis wie sie es auch im Konzertsaal beim Sinfonie- oder Kammerorchester erleben würden.

Sarah Lindenmayer

Gibt es eine bestimmte Musik, die Sie am allerliebsten spielen?

Felix Hell

Da kann ich klar sagen: Bach ist meine allererste Liebe. Er hat einfach hervorragend für die Orgel geschrieben. Ich liebe natürlich auch die französische Romantik, aber, wenn ich einen Komponisten wählen sollte, würde ich sagen von Bach wird man eigentlich nie müde.

Sarah Lindenmayer

Sie sind jetzt 35 Jahre alt und haben schon über 1000 Konzerte gespielt. Sie haben das Gesamtwerk von J. S. Bach aufgeführt. Dazu lehren Sie mittlerweile an zwei Universitäten, in den USA und in Südkorea. Was kommt als nächstes?

Felix Hell

Zunächst möchte ich sagen, dass ich nie in meinem Leben die Erwartung hatte, diese vielen tollen Sachen überhaupt jemals machen zu können. Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeiten, die mir gegeben wurden. Und andererseits denke ich, dass noch so viele tolle Programme produziert werden könnten, dass mir manchmal ein bisschen schwindelig wird [lacht]. Dass einfach nicht genug Zeit ist, um so viele schöne musikalische Erlebnisse zu haben und zu kreieren. Wenn ich jetzt noch 25, vielleicht 30 Jahre mit voller Hingabe Konzerte spielen darf, dann heißt das 25 bis 30 Konzertsaisons, in denen ich Programme produzieren kann. Und wenn man sich überlegt: um die viele tolle Musik, die auf dieser Welt existiert, zu spielen, ist das nicht mehr so viel. [lacht] Mir geht’s einfach darum, interessante Programme zu bieten, den Leuten Erlebnisse zu geben, die sie nicht vergessen werden. Dass es Erlebnisse sind, die sie über das Konzert hinaus mitnehmen können in ihr Leben. Das größte Kompliment, das ich immer wieder mal höre, ist, dass Menschen sagen: „Ich wusste gar nicht, dass die Orgel ein so expressives Instrument ist“. Das ist für mich das Größte. Den Leuten zu zeigen, dass die Orgel gar nicht so ein mechanisches Maschinen-Instrument ist. Sie ist wirklich sehr ausdrucksstark und sie kann das Publikum bewegen und sehr organisch klingen. Daran, den Menschen so ein Erlebnis mitzuteilen, werde ich die nächsten 35 Jahre alles setzen.