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Eine Pause von Zuhause

Das Hannah Weiss Quartett im Livestream aus der Unterfahrt

© Sophie Wanninger

Von Pauline Link am veröffentlicht.

Was macht das Flair eines Besuches im Jazz Club aus? Der schwach beleuchtete, fensterlose Raum. Die kleinen Tische überall, dass man fast den anderen Zuschauern auf dem Schoß sitzt. Oliven und Erdnüsse, dazu vielleicht ein Wein oder ein Martini. Die leicht stickige Luft, die Wärme. Den Musikern ganz nah sein, ihre Schweißperlen sehen, ihre Mimik beobachten, sich in kleinen Details verlieren. Die Akustik, das Wummern des Basses im Körper spüren, den Fuß nicht stillhalten können und im Takt wippen. Das Mitfiebern des Publikums und die direkte Reaktion auf die Musik.

Wie soll das denn bitteschön in einem Livestream von Zuhause aus funktionieren? Diese Frage mussten sich alle Musiker und Veranstalter stellen, als es im März hieß: Corona. Lockdown. Keinerlei Veranstaltungen mehr. Es folgte eine Schockstarre, ein Fragen, ob das nun das Todesurteil für kleine Clubs sei. Und dann kam das kreativ Werden.

 

 

Normalerweise würde bei so einer Gelegenheit hier der Club aus allen Näten platzen, die Brillengläser würden beschlagen, es würde rundum gejubelt werden.– Ralf Dombrowski, Musikjournalist und Moderator an dem Abend

Ein Jazzclub, der schon relativ früh wieder Konzerte angeboten hat, ist die Unterfahrt in München. Eines davon war das Hannah Weiss Quartett am 15. Juni. Ein Absolventenkonzert der Hochschule für Musik und Theater München. Hannah Weiss ist schon keine Unbekannte in der Szene mehr, 2019 gewann sie sogar den BMW-Welt Young Artist Jazz Award.

Die Überraschung: das Konzert ist trotz Corona-Livestream sehr charmant. Die Unterfahrt wendet den recht simplen, aber trotzdem nicht so gebräuchlichen Trick an, das Konzert wirklich nur LIVE anzubieten und es danach nicht mehr verfügbar zu machen. „Wir erreichen damit, dass wir während des Livestreams sehr viel mehr Besucher haben.  Denn man kann wie im richtigen Leben das Konzert einfach verpassen.“ Erklärt Vorstand Michael Stückl. Die Zuschauer zu Hause vor den Bildschirmen haben zudem die Möglichkeit, durch Smilies und Kommentare direkte Rückmeldung zu geben und für etwas zusätzliche Stimmung zu sorgen. Die vielen Kameraeinstellungen lassen einen ganz nah ran an die Musiker und man sieht noch viel mehr als wenn man wirklich im Publikum sitzen würde. Das hat auch seinen Charme.

© Lena Semmelroggen

Die Unterfahrt vor Corona

Doch selbst das beste technische Konzept wäre sinnlos ohne eine Musikerin, die es mit Leben und Sinn befüllt. Vor dem Konzert gibt Hannah Weiss in einem kurzen Interview Einblicke in die Entstehung der 40-minütigen Jazz Suite. In den Texten verarbeitet sie die Eindrücke einer Afrika Reise, auf der sie von den Folgen der Kolonialisierung sehr geschockt war. Das Ganze ist musikalisch mal klassisch jazzig, mal modern mit technischen Effekten verpackt. Ein eindrucksvolles Stück, dass starke Emotionen beim Zuhörer auslöst.

Und auch wenn es nicht dasselbe ist, wie zwischen der Bühne und anderen Zuschauern mit seinem Martini zu sitzen und im Rausch des Momentes voll in die Musik einzutauchen, ist es doch ein kleines Durchatmen. Eine Pause von Zuhause.

 

 

 

 

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