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Junger Kulturkanal

LÄUFT

Einsamkeit

in Literatur und Gesellschaft

Von Ulrich Wiederspahn am veröffentlicht.

Ein individueller Zustand

Wenn Corona uns ins Homeoffice zwingt, wir weniger soziale Kontakte haben und die Arbeitskollegen nur noch verpixelt am Handydisplay sehen, dann kann sich Einsamkeit breitmachen. Dabei darf man Einsamkeit nicht mit dem Alleinsein verwechseln. Denn Alleinsein ist zunächstmal ein physischer Zustand: Wenn eine Person in einem Raum steht und sonst ist niemand da, dann ist sie alleine - aber einsam ist sie nicht unbedingt. Einsamkeit hingegen ist ein individuelles Gefühl; das heißt auch, dass es keine Kriterien gibt, mit deren Hilfe sich ein "Einsamkeits-Faktor" errechnen ließe. Denn es gibt Menschen mit wenig Sozialkontakten, die glücklich sind und es gibt Leute mit vielen Freunden, die sich einsam fühlen. Wann und ob wir uns einsam fühlen, ist also nicht vorhersehbar.

Es gibt keine "Formel" für Einsamkeit

Auch zwischen Wohnort und Einsamkeit besteht kein Zusammenhang - zumindest ob Dorf oder Stadt ist ziemlich egal. Aber schaut man sich Deutschlandkarten zur Flächenverteilung der Einsamkeit an (Katapultmagazin), sind durchaus einige Regionen einsamer als andere.
Auch wenn es keine Formel für die Einsamkeit eines Menschen gibt, so gibt es doch Indikatoren: Armut, Krankheit und veränderte Lebensumstände (Umzug, Auszug der Kinder aus dem Elternhaus usw.) gehen oft mit Einsamkeit einher.

Ich habe die ganze Welt in Buchdeckeln.– Maria Kafitz, Lektorin

Lesen hilft

Weil viele Romane von einsamen Protagonist*innen handeln, haben wir mit einer Lektorin gesprochem. Maria Kafitz arbeitet beim Freies Geistesleben Verlag in Stuttgart und sie hat uns erzählt, was eine Lektorin überhaupt so macht und was man heute noch gelesen haben muss.

Einsamkeit in Literatur und Kunst

Odysseus, Robinson Crusoe oder "der Fremde" von Albert Camus - sie sind Beispiele für einsame Literaturfiguren, von denen es eine Menge gibt. Auch den großen Künstlern wird oft ein Einsamkeitssuchen unterstellt (oft auch gerechtfertigt): Beethoven zog sich aufgrund seiner Ertaubung sehr aus dem sozialen Leben zurück, Gustav Mahler hatte ein Komponierhäuschen, wo ihn niemand stören durfte, wenn er arbeitete. Maria Kafitz erzählt uns im zweiten Teil ihre Sicht auf die Einsamkeit in der Literatur.

Die allermeisten Themen der Anrufer haben mit Beziehungen zu tun.– Anna von der Telefonseelsorge

Anonym auf Augenhöhe

Anna(Name geändert) arbeitet ehrenamtlich in der Telefonseelsorge Kalrsruhe. Hier rufen die verschiedensten Menschen an, die sich nur in einem Punkt gleichen: Sie haben niemanden, mit dem sie ihre Probleme teilen können. In der Telefonseelsorge finden sie Ansprechpartner*innen, mit denen sie anonym und kostenlos sprechen können. Auch die Mitarbeiter bleiben anonym - so entsteht für beide Seiten eine Sicherheit, der sie sich anvertrauen können. Im JKK-Interview erzählt uns Anna, wie sie zur Telefonseelsorge kam, welche Menschen bei ihr anrufen und in wie weit Corona die Probleme der Anrufenden beeinflusst.

Einsamkeit - eine Krankheit?

Hier gehen die Meinungen der Forscher auseinander. Der Psychologe Manfred Spitzer bezeichnet Einsamkeit als Krankheit (MDR). Nach Spitzer sei es so, dass das Gefühl der Einsamkeit Stresshormone auslöse und das wiederum löse alle möglichen Krankheiten aus - erhöhter Blutdruck und Blutzucker fallen darunter.
Eine Gegenposition vertritt Sonia Lippke: Eine Krankheit sei ein Alarmsignal des Körpers, dass etwas nicht in Ordung sei. Einsamkeit hingegen sei mit einem Warnsignal des Körpers zu vergleichen, dass etwas kaputtgehen könnte. Einsamkeit selbst sei also vorübergehend nicht schädlich, bleibt sie aber dauerhaft (Vereinsamung), dann schon.

Gegensteuern

Kurzfristig verschafft Ablenkung eine Linderung: Spazieren, Sport, Klavierspielen und so weiter. Laut Manfred Spitzer ist das Gehirn bei einsamen Menschen in einer Spirale gefangen, in der sich der Mensch nur mit sich selbst beschäftigt und das ist unangenehm. Lenkt man sich aber ab, beschäftigt sich das Gehirn mit etwas anderem und das hilft. Auf Dauer muss ein einsamer Mensch aber sein Verhalten ändern und neue Leute kennenlernen.