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Elisa Reznicek im Interview

"Mein Beruf ist mein Leben"

© Andrea Farby

Von Lora Ganeva am veröffentlicht.

"Unterschwellig denkt man dann schon manchmal darüber nach, ob mir das als Mann auch passiert wäre."

Elisa Rezniceks Berufsleben ist breit gefächert. Nicht nur den Alltag als Musikjournalistin bekommt sie mit, sie steht auch als Pressefotografin hinter der Kamera und leitet im Haus des Dokumentarfilms die Online-Redaktion. Im Interview mit Lora Ganeva erzählt sie von den schönen Seiten ihrer Arbeit, aber auch davon, womit man als erfolgreiche Frau dann doch manchmal zu kämpfen hat.

 

Lora Ganeva: Sie haben Musikwissenschaften an der Hochschule für Musik in Karlsruhe studiert. Wieso ausgerechnet dort?

Elisa Reznicek: Das war damals fast sogar ein bisschen Zufall. Kurz vor meinem Abitur habe ich bei uns in der Schule ein Plakat gesehen, dass man in Karlsruhe an der Universität und an der Musikhochschule gleichzeitig studieren kann. Diese Kombination gibt es heute leider nicht mehr. Ich hatte ein sehr starkes Interesse an Musik und konnte am KIT parallel noch Multimedia in den Geistes- und Sozialwissenschaften studieren. In diesem Nebenfach hatte ich Vorlesungen wie Programmieren, Recht, Mediengeschichte und habe außerdem gelernt, wie man etwas layoutet.

Dass man etwas macht, weil man eine Leidenschaft für diesen Beruf hat.– Elisa Reznicek

In Ihrer Kurz-Vita steht als Statement, dass Ihr Job Ihre Berufung ist. Was macht das für Sie aus?

Ich würde mir für jeden wünschen, dass er einen Beruf hat, dem er etwas abgewinnen kann – abgesehen vom monetären Einfluss. Dass man etwas macht, weil man eine Leidenschaft für diesen Beruf hat, denn ich glaube, das merkt man. Da sollte man einfach eine Liebe mitbringen zum Beruf, das meine ich mit Berufung. Ich habe es mir so ausgesucht und ich kann mir nichts anderes vorstellen, als über Sachen, die mir am Herzen liegen, zu schreiben oder diese zu fotografieren. Es muss ja auch nicht nur der Musikbereich sein. Mein Job im Haus des Dokumentarfilms bietet mir die Möglichkeit auch über Musikdokus zu schreiben, aber eben nicht nur. Aber ich könnte jetzt zum Beispiel nicht Buchhalter sein und jemand anders könnte vielleicht nicht schreiben.

Was genau machen Sie im Filmbereich?

Ich habe im Haus des Dokumentarfilms die Leitung der Online Redaktion inne. Wir haben unter www.dokumentarfilm.info, wie der Name schon sagt, ein Online-Portal mit Artikeln, Beiträgen und Hintergründen aus der Branche. Vor kurzem haben wir auch ein Interview-Projekt gemacht, das hieß „DOKVILLE – Stimmen aus der Branche“, was unter www.dokville.de erschienen ist. Dort haben wir mit vielen Dokumentarfilmschaffenden über die aktuelle Zeit gesprochen und wie sie ihren beruflichen Alltag in der aktuellen Lage meistern. DOKVILLE ist ja eigentlich ein Branchentreffen, das aber dieses Jahr leider wegen den Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht stattfinden konnte. Deshalb war uns wichtig, dass dieser Austausch, trotzdem in irgendeiner Weise vorhanden ist und man Brancheneindrücke bekommt.

youtu.be/DZrlhuYyBJo

© Elisa Reznicek

Samu Haber auf dem Maimarkt in Mannheim, 2015

Was macht für Sie als Pressefotografin ein gutes Bild?

Ein gutes Bild macht für mich aus, wenn es die Wesenszüge des Menschen oder der Band wiedergibt und eben auch die Stimmung im Konzert. Man hat sehr viele Auflagen und teils ganz genaue Vorgaben als Fotografin bei professionellen Veranstaltungen, dennoch finde ich es wichtig eine gewisse Energie einzufangen und auf den Bildern wiederzugeben. Das geht für mich persönlich am besten, wenn man sich jedes Konzert individuell anschaut und bearbeitet. Man sollte bewusst auswählen, wie man die Bilder bearbeitet, indem man überlegt, was denn der entscheidende Moment war, was den Künstler oder die Künstlerin ausgemacht hat.

2018 hatten Sie mit Kirsten Bohlig und Bernadette Fink eine Ausstellung im Kohi Karlsruhe, die den weiblichen Blick thematisiert hat. Was genau hat Sie an diesem Thema gereizt?

Wir fanden es ganz spannend, diese Frage einfach ganz offen in den Raum zu stellen. Ich finde es immer gut, wenn Kunst zum Diskurs einlädt, und man konnte bei uns dreien schon sehen, dass wir sehr unterschiedliche Arten haben zu fotografieren, weil es eben auch eine Kunstform ist. Es kamen wirklich Leute und haben mit uns diskutiert. Natürlich haben wir kein abschließendes Ergebnis. Wahrscheinlich kann man nicht sagen, dass Frauen anders fotografieren als Männer, vielleicht schauen wir anders hin oder versuchen uns anders einzufühlen. Aber das war eben unser Ausgangspunkt, dass wir uns gesagt haben: Wir sind ja sehr wenige Frauen in der Konzertfotografie, machen wir es vielleicht anders als Männer? Zum Beispiel bin ich jedes Jahr beim New Pop Festival in Baden-Baden. Da sind relativ viele und fast ausschließlich Männer, normalerweise bin ich da sogar die einzige Frau unter gut 20 Leuten. Wir gehen alle zum gleichen Konzert und haben die gleichen Voraussetzungen. Danach zu schauen, wer sich worauf fokussiert, finde ich sehr spannend.

 

Wir sind sehr wenige Frauen in der Konzertfotografie, machen wir es vielleicht anders als Männer?– Elisa Reznicek

© Timo Bohlig

Kirsten Bohlig, Elisa Reznicek, Bernadette Fink

Denken Sie, es gibt so etwas wie eine Frauen- und Männer-Perspektive in der Fotografie?

Teilweise vielleicht schon. Wir hatten so ein bisschen das Gefühl, dass wir womöglich anders auswählen. Der Unterschied liegt nicht im Handwerklichen, denn das Handwerk muss man können, aber vielleicht ist es in der Umsetzung ein wenig anders. In der Art, wie ich bearbeite, oder was ich auswähle. Wir konnten als Konsens herauskristallisieren, dass wir sehr selektiv arbeiten und wirklich nur Bilder nehmen, die der Person gerecht werden. Es gibt natürlich Männer, die ein fantastisches Gespür dafür haben, aber viele scheinen nach Masse statt Klasse auszuwählen. Das ist zumindest mein Gefühl. Ich würde zum Beispiel eher drei Fotos statt dreißig abgeben, wenn die anderen 27 unvorteilhaft sind und der Sache nicht gerecht werden.

Würden Sie allgemein sagen, dass Frauen es in Ihrem Beruf schwerer haben?

Nicht unbedingt. Wenn dann vielleicht, wenn man auch noch die Familie mit unter einen Hut bringen muss. Wir arbeiten im Musikbereich meist sehr lange und zu späten Uhrzeiten. Aber das ist ja nicht berufsspezifisch, das kann man in anderen Berufen genauso haben. Als Fotografin bekommt man aber schon mal die Technik erklärt von Männern, ungefragt. Ich war zum Beispiel mal auf einem Sunrise-Avenue-Konzert, Open Air auf dem Maimarkt-Gelände Mannheim. Wir waren natürlich eine riesen Truppe und wurden von einem offiziellen Vertreter vor die Stage geführt. Irgendwann blieb ich einfach stehen und alle anderen gingen weiter. Natürlich kam der Pressemensch wieder zurück und wollte mich zu den anderen bringen, mit dem Argument, dort wäre ein besserer Winkel. Stattdessen meinte ich nur „Ich weiß schon, wo ich stehe“ – und tatsächlich stand Samu Haber direkt vor mir und der ganze Tross kam plötzlich wieder dahergehuscht. Unterschwellig denkt man dann manchmal schon darüber nach, ob mir das als Mann auch passiert wäre.

© Andrea Fabry

"Der weibliche Blick"-Ausstellung im KOHI in Karlsruhe