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Junger Kulturkanal

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"Es ist besser, sich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren"

Ein Blick hinter die Kulissen mit Anno Schreier

© Felix Grünschloss

Von Samjal-Felix Roozitalab am veröffentlicht.

Der in Monschau geborene Komponist erzählt, wie er zwischen Kindermärchen, Dramen und inzestuösen Liebestragödien balanciert. Was ihn außerdem an der Oper begeistert, verrät er Samjal Roozitalab vom Jungen Kulturkanal.

© Felix Grünschloss

Samjal Roozitalab: Haben Ihre Eltern Wert darauf gelegt, dass ihr Sohn ein Instrument spielt oder kam Ihre Begeisterung für die Musik von alleine?

Anno Schreier: Das kam von alleine. Von meinen Eltern habe ich sehr viel an Interesse mitbekommen. Sie musizierten zwar nicht, aber es lief ständig klassische Musik. Sie haben einfach abgewartet. Als ich ihnen gesagt habe, dass ich Klavier spielen möchte, haben sie mich direkt unterstützt.

Welche Instrumente spielen Sie und welches ist Ihr liebstes?

Ich hab Klavier angefangen zu lernen, da war ich zehn. Das war mein erstes Instrument. Pianist zu werden war für mich aber nichts, da ich auch nie gerne öffentlich aufgetreten bin. Ganz ehrlich gesagt, das mache ich bis heute nicht gerne. Violine habe ich als zweites Instrument angefangen zu spielen. Da war ich ungefähr 13. Als Teenager kam dann noch die Orgel dazu. Das fand ich immer cool, weil man da nicht auf der Bühne steht. Man ist in einem Bereich in dem man nicht direkt gesehen wird. Letztendlich hat es mich aber fasziniert, Noten selber zu schreiben. Weil ich schon immer Orchester toll fand, wollte ich Stücke für Orchester komponieren.

Zu welchen Stationen hat es Sie bisher geführt?

Naja, ich bin in Monschau aufgewachsen, das ist eine kleine Stadt bei Aachen. Landschaftlich sehr schön, ich wollte aber in eine größere Stadt, in der ein reges Kulturleben stattfindet. Düsseldorf war da als Großstadt mit der Lage in diesem Ballungszentrum ideal. Ich habe dort bis 2003 gewohnt, dann kam mein Auslandsjahr in London. Eine sehr, sehr spannende Zeit! Danach war ich für meinen Abschluss noch ein Semester lang in Düsseldorf, bis ich dann für knapp zwei Jahre nach München gezogen bin. 2007 bin ich dann schließlich nach Karlsruhe gekommen.

Es geht nicht immer um das Materielle, sondern auch darum, wo man als Musiker steht.– Anno Schreier

Würden Sie Ihren musikalischen Werdegang als einfach und sorgenfrei bezeichnen?

Das ist nie ein einfacher Weg! Vor allem nicht bei so einer beruflichen Richtung. Das war mir aber von Anfang an klar. Als Komponist muss man sich eben seine Arbeitsmöglichkeiten ständig neu suchen. Ich formuliere es mal so: Wenn man sich ein Ziel vornimmt, wird man es wahrscheinlich nicht auf direktem Weg erreichen. Dafür bieten sich einem aber oft andere schöne Gelegenheiten. Es geht nicht immer um das Materielle, sondern auch darum, wo man als Musiker steht.

Sie bekamen vom Opernhaus Zürich den Auftrag, eine Komposition für die Oper “Die Stadt der Blinden“ zu schreiben. Zuallererst: Haben Sie das Buch gelesen?

Ja, natürlich. Mehrmals sogar.

Wie kam es dazu?

Es war so: Als ich den Auftrag bekommen habe, war nicht klar, was für ein Stück es werden sollte. Ich habe mich dann mit der Librettistin Kerstin Pöhler zusammengesetzt, die mir dann das Buch empfohlen hat. Daraufhin haben wir beschlossen, dass wir daraus eine Oper machen wollen, weil wir beide fanden, dass die Geschichte Potenzial hat.

Hatten Sie auch einen persönlichen Bezug zu der Geschichte?

Also ich habe sowas natürlich nie erlebt. Das will man auch gar nicht. Mich mit Dingen zu konfrontieren, die nicht meiner persönlichen Erfahrung entsprechen, finde ich eigentlich interessanter.

Ihre nächste sehr bedeutende Station als Komponist war die Uraufführung von "Prinzessin im Eis“ in Ihrer Heimatstadt Aachen. Können Sie sich an das Gefühl erinnern, Ihre Komposition in Ihrer Heimatstadt gehört zu haben?

Das war natürlich eine besondere Erfahrung. Das Opernhaus in Aachen war das Theater, in dem ich das erste Mal in der Oper war, in dem ich meine ersten Theater- und Opernerfahrungen gemacht habe. Das war schon sehr besonders. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Zuschauer sich noch stärker gefreut haben, einen Komponisten aus derselben Stadt zu hören. So ein bisschen lokalpatriotisch (lacht). Das Stück kam wirklich sehr gut an.

Mir gefällt der Spagat zwischen dem Absurden und dem Dramatischen.– Anno Schreier

Sie scheinen ja ein relativ breites Spektrum abzudecken. Wo lag Ihre Motivation im Stück „Schade, dass sie eine Hure war“?

Es geht in diesem Stück um eine inzestuöse Liebesbeziehung zwischen einem Bruder und seiner Zwillingsschwester. Das Ganze geht natürlich ganz böse aus. Was mich daran interessiert hat war, dass diese Geschichte natürlich total übertrieben ist. Da ist alles bis ins Extreme übertrieben. Oper ist für mich eben das: eine Kunstform, die mit Übertreibungen arbeitet. Das fängt schon beim Gesang an. Normalerweise spricht man, um sich zu unterhalten, und singt nicht. Mir gefällt der Spagat zwischen dem Absurden und dem Dramatischen.

© Yoko Jungesblut

Ist es nicht schwer als Komponist so unterschiedliche Stücke zu komponieren?

Nicht wirklich. Ich mache das, weil mir sonst langweilig werden würde. Immer nur das Gleiche machen, macht mir keinen Spaß. Ich versuche auch zwischen meinen Stücken einen möglichst großen Kontrast entstehen zu lassen. Ich meine, für mich wird es dann ja auch interessanter und abwechslungsreicher. Ich habe für mich gemerkt, dass es besser ist, wenn ich nur das Nächste im Blick habe und nicht das große Ganze.

Sie waren von 1999 bis 2007 Student. Seit 2008 unterrichten Sie an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Wie war es für Sie die Rollen zu tauschen?

Das war natürlich eine Umgewöhnung, aber ich habe mich mit der Zeit daran gewöhnt zu unterrichten. Damit muss man erstmal zurecht kommen, auch mit der Funktion als Lehrer! Ich sitze sonst zuhause an meinem Schreibtisch, deswegen ist das eine willkommene Abwechslung für mich.

Eine Frage aus persönlichem Interesse, da ich selbst Heidelberger bin: Wie wurden Sie 2009 „Komponist für Heidelberg“?

Das Orchester am Theater Heidelberg sucht sich jedes Jahr einen jungen Komponisten aus, dessen Stücke gespielt werden. Ich habe dann zusätzlich ein Stück komponiert für den Bachchor - also auch mit Gesang! Ich fand das mit Heidelberg besonders, weil mein Vater aus Heidelberg kommt und ich als Kind auch sehr oft dort war.