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"Frauen schaffen es lange, fast unsichtbar zu bleiben"

Ein Interview mit Claudia Spieß und Andrea Knoll vom Tagestreff für Frauen

© Sarah Lindenmayer

Von Sarah Lindenmayer am veröffentlicht.

Eine Möglickeit zum Ausruhen, zum Austausch und zur Erledigung der praktischen Dinge des Lebens, wie Duschen und Wäsche waschen. Das bietet der Tagestreff für Frauen (TafF) im Zentrum von Karlsruhe. Er ist Teil der 1979 gegründeten Initiative SOZPÄDAL (sozialpädagogische Alternativen), die im Bereich der Wohnungslosen- und Jugendhilfe aktiv ist. Zielgruppe des TafF sind nicht nur obdachlose Frauen, sondern auch solche, die vereinsamt sind, Gewalt erlebt haben oder anderweitig hilfsbedürftig sind. Mit Andrea Knoll vom TafF und Claudia Spieß von der Beratungsstelle für Frauen und Paare in Wohnungsnot (ebenfalls SOZPÄDAL) habe ich über ihre Arbeit gesprochen.

Dass es eben auch diese andere Gruppe gibt, die genauso dazugehört, genauso wichtig ist und mit einbezogen werden muss.– Andrea Knoll

 

Sarah Lindenmayer: Warum ist ein Tagestreff für Frauen im Besonderen wichtig?

Andrea Knoll:

Weil Frauen eher im Unterschlupf bei Männern und oft in unguten Situationen sind. Sie sehen z.B. im Stadt- und Straßenbild nicht so viele obdachlose Frauen wie obdachlose Männer, weil Frauen es lange schaffen, fast unsichtbar zu bleiben. Sie machen viele Kompromisse, und kommen oft in schlimme Situationen. Ich sehe unseren Treff als einen Schutzraum: es dürfen keine Männer rein und wir haben die Möglichkeit für die Frauen, dass sie hier auch arbeiten können, dass sie eine Tagesstruktur haben, sich versorgen und über die Arbeit auch wieder soziale Kontakte knüpfen können.

Claudia Spieß:

In den neunziger Jahren hat man eine groß angelegte Studie in Deutschland zur Wohnungslosigkeit gemacht, wo man herausgefunden hat, dass obdachlose Frauen größtenteils die allgemeinen Einrichtungen und Treffpunkte nicht annehmen, weil sie Angst haben, diese Orte aufzusuchen und weil sie Angebote eher annehmen, wenn sie einen eigenen Zugang haben. Das heißt Orte, an denen sie nicht auf Männer treffen, mit denen sie eben oft schlimme Erfahrungen gemacht haben.

 

 

© Sarah Lindenmayer

Der Aufenthaltsraum des TafF

Was sind die größten Probleme der Frauen, die zu Ihnen kommen?

Knoll:

Nun ja, die Wohnung fehlt. Das ist sicherlich das größte Problem, weil man dann keinen Raum hat, an den man sich zurückziehen kann, wo man seine Sachen lassen und damit eigentlich keine Sicherheit mehr erleben kann.

Spieß:

Viele der Frauen, die zu uns kommen haben sogenannte besondere soziale Schwierigkeiten. Das heißt konkret, dass die Frauen bereits sehr viele negative Dinge erlebt haben. Zu über 90 Prozent haben sie schlimmste Gewalterfahrungen gemacht und machen diese aufgrund ihrer Wohnungslosigkeit auch in ihrem späteren Leben weiterhin. Auf der anderen Seite sind Probleme oft auch Geldnöte, extreme Armut, mangelnde Ausbildung, manchmal auch psychiatrische Erkrankungen oder Suchterkrankungen. Viele Frauen neigen auch zu depressiven Phasen, in denen sie sich dann nicht mehr selber helfen können und sich sehr zurückziehen von ihrer Umwelt und Familie. Oft versuchen sie über die Runden zu kommen und kommen dann bei Männern unter, die von ihnen alle möglichen Dienstleistungen verlangen, sexueller, aber auch anderer Art.

Was sind die größten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit?

Knoll:

Mein Eindruck ist über die Jahre, dass den Frauen oft jegliches soziale Netz fehlt. Sie sind sehr auf sich allein gestellt und geprägt von dem, was sie erlebt haben. Sie haben keinerlei soziale Kontakte mehr und ich finde das ist ein ganz großer Aspekt, dem wir hier ganz gut begegnen. Es bilden sich immer wieder Kreise, in denen die Frauen sich gegenseitig stützen, also wie so ein Synergie-Effekt.

Spieß:

Ich finde die größte Herausforderung ist, diese Perspektive, die sich da gebildet hat, nämlich dass man so sehr in seinem Elend verhaftet ist, zu durchbrechen und so zu ändern, dass jemand es für sich annimmt, da herauszukommen. Das heißt, sich wieder um sich selbst und die eigenen finanziellen Möglichkeiten zu kümmern. Anträge zu stellen, oder den Schritt zu wagen, Ansprüche zu klären, nachdem man so lange aus dem System rausgefallen war, dass zum Beispiel keine Krankenversicherung mehr besteht.

 

Ich würde mir wünschen, dass diese Gruppe der Gesellschaft nicht einfach dem freien Markt überlassen wird– Claudia Spieß

Was würden Sie sich wünschen, um Ihre Arbeit effektiver und leichter zu machen?

Knoll:

Ich empfinde unsere Arbeit durchaus als sehr effektiv, weil wir eben durch unseren Aufbau nicht nur Frauen, die obdachlos sind haben, sondern es kommen auch Frauen von außen. Coronabedingt jetzt zwar nicht, aber normalerweise ist hier dadurch immer was los. Ich würde mir vielleicht wünschen, dass das Bewusstsein der Leute und der Gesellschaft insgesamt sensibilisiert wird. Dass gesehen wird, dass es eben nicht immer nur um „schneller, besser, toller“ geht, sondern, dass es eben auch diese andere Gruppe gibt, die genauso dazugehört, genauso wichtig ist und miteinbezogen werden muss.

Spieß:

Ich würde mir einfach wünschen, dass es mehr öffentlich geförderten, bezahlbaren Wohnraum gibt. Sehr viel Wohnraum wird an Investoren verkauft, die damit Geld verdienen und damit steigen auch die Mieten immer mehr. Innerhalb der Innenstadt ist es einfach sehr sehr schwierig, bezahlbaren Wohnraum zu finden und ich würde mir wünschen, dass diese Gruppe der Gesellschaft nicht einfach dem freien Markt überlassen wird.

 

Was hat sich bei Ihrer Arbeit seit der Corona-Pandemie verändert?

Knoll:

Die Platzverhältnisse bei uns sind begrenzt und auch wir müssen uns natürlich an die Abstandsregelungen halten. Das heißt, wir können hier im Tagestreff nicht mehr 60 oder mehr, sondern nur noch 14 Frauen auf einmal versorgen. Im Moment sind nur die obdachlosen Frauen bei uns und diejenigen, die bei uns arbeiten. Viele Frauen, die gesundheitlich gefährdet sind, beschäftigen wir zu Hause. Wir haben letztes Jahr im Sommer ganz viel nach draußen verlagert und werden das auch wieder machen, weil wir mitkriegen, wie schlimm es für die Frauen ist, eben keinen Zugang mehr zu haben zu Information und Austausch. Es gibt auch viel Verunsicherung, also Frauen, die sich teilweise nicht mehr aus dem Haus trauen, die nicht wissen, wie man sich schützt. Deshalb machen wir hier auch Aufklärung und erzählen, wie das Virus sich überträgt und auf was man achten muss.

 

Wie erfahren die Frauen vom TafF?

Knoll:

Wir sind im Austausch mit der Fachstelle und dann gibt es noch das Lotsenprojekt. Da werden die Menschen, die in den Obdachloseunterkünften sind, gelotst und da gibt es natürlich die Möglichkeit uns zu „bewerben“. Aber ich denke es spricht sich auch einfach herum.

 

Wie gehen Sie auf Frauen zu wenn sie zu Ihnen kommen und wie schaffen Sie es, den Kontakt zu halten?

Knoll:

Ganz unterschiedlich. Auf manche Frauen geht man gar nicht zu, weil man sie eher damit vertreibt. Das heißt jede kann hier auch ganz anonym bleiben, sich versorgen und muss gar nichts angeben. Was wir im Moment wegen Corona machen müssen ist, alle, die sich hier aufhalten aufzuschreiben… gelingt meistens, sag ich mal so. Es gibt aber auch Frauen, die sehr verunsichert sind, wenn man nicht auf sie zugeht. Da tun wir das dann und fragen nach, sprechen mit ihnen und stellen den TafF vor. Immer wieder kommt es dann auch zu Anfragen, ob sie mitarbeiten können. Dieses Jahr hatten wir in unserem Arbeitsprojekt 45 Frauen. Die versorgen wir auch mit Heimarbeit und gucken, dass wir im Austausch bleiben, das hält ganz schön auf Trab.

 

Wie muss man sich das Arbeitsprojekt des TafF vorstellen?

Knoll:

Das ist ziemlich komplex. Ganz oft kommen die Frauen und es ist klar, dass sie eine Tagesstruktur und Anleitung brauchen. Wir haben eine Arbeitserzieherin, die dafür zuständig ist. Wir unterteilen dann innerhalb des Arbeitsprojektes nochmal in unterschiedliche Projekte. Zum Bespiel haben wir ein Kreativprojekt, wo Frauen, die in anderen Bereichen weniger eingesetzt werden können, arbeiten. Die häkeln dann, stricken und sortieren und machen ganz viel Dekoration, die bei uns immer jahreszeitlich angepasst ist. Außerdem kehren wir auch den Hof der Leopold-Schule, die hier gegenüber ist. Es ist auch eine ganz interessante Sache, dass der TafF sich ein Stück selber trägt, weil die Versorgung der obdachlosen Frauen durch unser Arbeitsprojekt komplett gewährleistet wird. Wir haben außer der Arbeitserzieherin niemanden angestellt. Das managen tatsächlich Frauen, die ehemals wohnungslos oder in schwierigen Situationen waren. Die putzen den ganzen TafF, sortieren Kleider, bügeln, waschen Wäsche für Obdachlose, versorgen sie mit Essen und desinfizieren zurzeit auch immer noch.

 

Was kann man machen, um Ihre Arbeit zu unterstützen?

Knoll:

Was wir immer brauchen sind zum Beispiel Fahrkarten für die Straßenbahn, die sind extrem nachgefragt. Und jede Höhe an Spenden nehmen wir natürlich gerne an. Eigentlich machen wir auch Ausflüge mit den Frauen, zum Beispiel waren wir einmal im Jahr im Europapark, oder wir machen Grillveranstaltungen, von daher haben wir genügend Verwendungsmöglichkeit für Spenden. Auch dass wir mal Handgeld zur Verfügung haben, wenn eine Person vorübergehend dringend unterstützt werden muss, sehe ich als sehr wichtig an. Und dann ist natürlich Lobbyarbeit ganz wichtig, damit der TafF weiter bestehen oder vielleicht sogar erweitert werden kann.

Spieß:

Wir freuen uns auch immer über Kleiderspenden für unsere Kleiderkammer und alles, was Hausrat betrifft. Töpfe und Pfannen sind immer Mangelware.