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Junger Kulturkanal

LÄUFT

Fridas Pier und Wilhelm Knipscheer

Elektronische Musik im Stuttgarter Industriegebiet

© Clara Schwarz

Von Clara Schwarz am veröffentlicht.

Ein bisschen außerhalb von Stuttgart, mitten im Industriegebiet liegt zwischen zwischen der Bundesstraße B10 und der Teststrecke von Mercedes-Benz ein alter Frachttanker im Neckar, der ‚Wilhelm Knipscheer‘. Das Gelände war früher eine Kohleverladestelle und wird jetzt nach und nach zur Kulturwerft umfunktioniert- mit dem Namen Fridas Pier.

© Clara Schwarz

Fridas Pier ist nicht ganz leicht zu finden, was daran liegt dass die Adresse 3 Kilometer lang ist. Nach einem kleinen Fußmarsch kommen wir trotzdem an- werden freundlich begrüßt, schauen uns erst mal um. Die Location besteht aus der Pier und dem Frachter, der etwa 80m lang ist und neben dem beliegestuhlten Sonnendeck oben noch einen Dancefloor unten im Bauch beherbergt, der bis zu 600 Gäste fasst. Aktuell darf pandemiebedingt niemand nach unten- wir dürfen uns das Innere des Schiffes trotzdem mal anschauen.

© Alexandra Gulzarova

Eine Treppe führt in einen spärlich beleuchteten, großen Raum. Der Parkettboden, das schummrige Licht und die Bar, die, wie man uns erzählt, aus einer herausgerissenen Zwischenwand des Schiffs gebaut wurde, schaffen eine Atmosphäre, die zum Tanzen einlädt. Schade, dass das Publikum momentan noch draußen bleiben muss.

Der Frachttanker wurde über einen Zeitraum von 5 Jahren hinweg zum Partyschiff umgebaut, alles von Hand, ohne Hilfe einer professionellen Firma. Kostenaufwand: 1,8 Millionen Euro, allein 480.000 für Sicherheits- und Brandschutzvorkehrungen und eine Viertelmillion für die Anlage. Die muss allerdings seit Tag 1 darauf warten, zum Einsatz zu kommen. Normalbetrieb hat es hier nämlich noch nie gegeben: eigentlich hätte Fridas Pier am 29.03.2020 eröffnen dürfen, aber am 13.03. kam es zum ersten coronabedingte Lockdown.

Ich frage mich, wie ein Veranstaltungsort, der in einer solchen Zeit eröffnen musste, überhaupt überleben kann, zumal die Location ja so dermaßen abgelegen ist. Moritz Hüttemann, der hier arbeitet, erklärt das einerseits mit der guten Vernetzung und andererseits mit der finanziellen Unterstützung zweier Förderinitiativen des Landes Baden-Württemberg für Kunst und Kultur 2020 und 2021. Die Fördersummen ermöglichen Gagen für die Künstler, unterstützen pandemisch bedingte, zusätzliche Personalkosten und decken zum Teil die anfallenden GEMA-Gebühren.

© Clara Schwarz

Auf dem Gelände gibt es 2 Floors, einer auf der Pier, der andere auf dem Sonnendeck des Schiffes. Beide werden gleichzeitig bespielt, in erster Linie von lokalen DJs und Kollektiven. Deren Stamm-Veranstaltungsorte verfügen häufig nicht über Außenbereiche, oder haben einen Standort, der es ihnen nicht ermöglicht, draußen auflegen zu lassen. So profitiert nicht nur das Pier-Team von den Förderungen, sondern auch viele Künstler:innen, die gerade wenige Auftrittsmöglichkeiten haben.

In die Quere kommen sich die beiden Floors- akustisch gesehen- nicht, die technische Lösung funktioniert.

Vermarktet wird die Pier in erster Linie über Social Media. Dort hat sie sich vor Allem bei den Stuttgartern bereits einen Namen gemacht. Es gibt zwar kein klassisches Stammpublikum, aber trotzdem häufig Gesichter, die man auch letztes Jahr schon gesehen hat, so Moritz.

Und das Konzept funktioniert, man merkt, dass die Menschen gerne hier sind: Die Stimmung ist super, in der Sonne am Wasser sitzen einige Gruppen junger Leute, die Familien und Senioren haben sich ein Plätzchen im Schatten gesucht.

Moritz erzählt mir, dass jeder willkommen ist und man sich nicht auf ein bestimmtes Zielpublikum festlegen möchte, deshalb ist Fridas Pier laut ihm vor Allem sonntags sogar gerne mal Ziel des ein oder anderen Familienausflugs- wie heute.

Heute ist es das Team der Romantica, einer Stuttgarter Bar. Die DJs Femcat und Jorkes legen dort normalerweise regelmäßig auf und sind heute auf der Pier zu Gast. Elektronische Musik hallt über das Gelände, Jorkes versteht es, die Sonntag-Nachmittag-Stimmung musikalisch einzufangen. Die Musik ist ein Mix aus Minimal-Tech-House und einem 90er-Jahre-Techno-Sound, ein bisschen zu wenige bpm zum Tanzen, aber das ist sowieso nicht erlaubt. Es gibt momentan auch keinen klassischen Dancefloor, sondern Tische mit je vier Liegestühlen, Reservierungen werden empfohlen, wenn man nicht damit rechnen möchte, wieder heim geschickt zu werden, da die Kapazitäten aktuell natürlich beschränkt sind. Auch der Rest der organisatorischen Umsetzung funktioniert super: Am Eingang checkt man sich in der Luca-App ein, man kann an der Bar auch mit Karte bezahlen, Plätze werden zugewiesen. Gezwungen fühlt es sich nicht an, man kann auch entspannt über das Gelände schlendernund zwischen Pier und Sonnendeck, auf dem heute House läuft, wechseln, außerdem ist das Team sehr aufmerksam und zuvorkommend.

Nach der Besichtigung des Schiffes und dem Gespräch mit Moritz sitzen wir noch eine Weile in unseren Liegestühlen, trinken ein Bier und lauschen der Musik. Der Ort macht definitiv gute Laune und läd zum Verweilen ein.

Fridas Pier schafft es, eine kleine Oase zu schaffen- ein bisschen gute Musik mitten im Industriegebiet, ein bisschen gute Laune in einer globalen Pandemie. Und genau das macht sie als Veranstaltungsort aus.