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Junger Kulturkanal

LÄUFT

Gathering Thunders

Eine CD und ihre Hörer

© ComputerStudio HfM Karlsruhe

Von Leonie Klein am veröffentlicht.

Lass es raus!

© Andreas Orban

Alles fängt an mit „Zyklus für einen Schlagzeuger“ von Karlheinz Stockhausen. Eines der ersten Werke für Schlagzeug solo. Hier sagt der Titel schon sehr viel über die Komposition aus: Musik im Kreislauf der Klänge. Die Instrumente sind kreisförmig um den Spieler angeordnet, analog dazu, wie das Stück verläuft. Der Spieler beginnt an einer von ihm in der Partitur frei gewählten Stelle zu spielen, dreht sich während des Stücks einmal im Kreis und endet zum Schluss dort, wo er angefangen hat. An diesem Punkt sind wir am Ende des ersten Tracks meiner CD „Gathering Thunders“ angekommen.

Eine CD, die die Entwicklung des Schlagzeugs zum Soloinstrument abbildet. Hier werden die verschiedenen Stadien der Epochen Neuer Musik aufgegriffen. Beim Hören der CD wird einem unverzüglich bewusst, dass Neue Musik für Schlagzeug immer auch die Verwandlung des Geräuschs in Musik bedeutet. Was wir hier hören sind fremde, ungewohnte Klänge und Geräusche. Eine Klangwelt, die unendlich scheint und es verdient hat, gehört zu werden. Denn das ist heute längst keine Selbstverständlichkeit. Die zeitgenössische Musik wirft viele Fragen auf und für viele Hörer bringt allein die Begrifflichkeit „Neue Musik“ eine negative Konnotation mit sich. Doch wie wird zeitgenössische Schlagzeugsolomusik eigentlich gehört? Wie sind die Reaktionen darauf? Und kann es sein, dass die zeitgenössische Musik mit so vielen Vorurteilen in Verbindung gebracht wird, dass wir ganz vergessen einfach mal zuzuhören? Wer kann das besser beurteilen als diejenigen, die sich auf diese Musik eingelassen haben.

Lass es raus! Der Film.

Ich erlebe genau das, was viele für unwahrscheinlich halten: Neue Musik kann die Hörer begeistern, kann sie faszinieren. Ja, zugegeben, man muss sich damit befassen, sich Zeit nehmen und einfach mal ganz unvoreingenommen zuhören, denn nur so kann sich einem jene, vom Komponisten erschaffene, Klangwelt erschließen, die jedem ohne Vorwissen und genaue Analysen zugänglich ist.

Als ich das erste Mal zeitgenössische Musik hörte, da war ich am Anfang meines Musikstudiums und konnte mir nicht vorstellen, eines Tages in der Lage zu sein, solche Musik zu spielen. Ich hatte das Glück mit Komponisten wie Helmut Lachenmann oder Dieter Schnebel arbeiten zu dürfen, die mich mit in ihre Klangwelten nahmen. Und seitdem bin ich unterwegs, auf einer Reise durch die Welt der zeitgenössischen Schlagzeugsolomusik.

Eine Reise in die Welt der zeitgenössischen Schlagzeugsolomusik

Dieser Audio-Beitrag enthält Gema-Material und musste aus diesem Grund 7 Tage nach Veröffentlichung depubliziert werden.

Und dann war sie da, die Faszination für diese Musik. Heute scheint alles so einfach: Ich stelle mir zuerst den Klang vor. Von dieser Klangvorstellung aus entwickle ich die Bewegung, die ich zu machen habe, um diesen Klang zu erzeugen. Er muss nicht aus einem Schlag resultieren, es kann auch einfach nur eine vorsichtige Berührung sein. Egal wie, der Klang steht immer im Vordergrund. Wenn es gut klingt, dann vergesse ich das jahrelange Üben, das hinter jedem einzelnen Klang steckt, und genieße einfach den Moment.

Was ich dabei jedoch nie vergessen darf, ist zuzuhören: Mir selbst am Instrument und denen, die mir zuhören. Also: Lass es raus!

Gut siebenhundert in der Tonhöhe bruchlos schwankende Paukenschläge in Peter Eötvös´ Thunder ersparen einem zu Silvester gar den Champagner. Schon Zuhören macht hier trunken. Das alles bewerkstelligt Leonie Klein stets lächelnd mit dem einnehmenden Charme der jungen Mireille Matthieu als neuer Stern an Deutschlands Perkussionhimmel. Der trägt jetzt ihren Namen. – FAZ, 31.12.2018