JKK

Junger Kulturkanal

LÄUFT

Geisterkonzert mit Simon Rattle

Das Bayrische Rundfunkorchester spielt Vaughan Williams und Mozart

© Astrid Ackermann

Von Tabea Wilkens am veröffentlicht.

Orchester sind normalerweise eine große Masse: Viele Musikern bilden ein Wirrwarr aus Instrumenten, Köpfen und Notenständern. Diesmal stehen nur wenige Musiker da, übersichtlich und mit viel Platz zu allen Seiten. Abstandsregelungen lassen eine geisterhafte Erscheinung zurück. In der Mitte: Dirigent Sir Simon Rattle.

Aber BR-Orchester und Dirigent sind alles andere als geisterhaft. Sie stürzen sich auf die neuen Herausforderungen.  Deutlich spürbar ist auch die Freude, nach der Zwangspause endlich wieder spielen zu dürfen. 

Geniale Stückauswahl , gefühlvolle Umsetzung

Der Abend ist zweigeteilt: Den Streichern gehört der Anfang mit Vaughan Williams „Fantasia on a Theme by Thomas Tallis“. 1910 uraufgeführt, experimentiert Williams in diesem Werk mit Raumklang und verteilt das Orchester in drei unterschiedlich stark besetzte Teile. Dadurch entstehen nicht nur unglaubliche Klangeffekte, sondern auch social distancing wird unauffälliger, weniger befremdlich.

Die Umsetzung ist alles andere als einfach, besonders die Kommunikation aus der Entfernung ist eine Herausforderung. Simon Rattle und den Streichern des Bayrische Rundfunkorchesters gelingt das jedoch ganz wunderbar und so kreieren sie eine magische Atmosphäre. Immer wieder gibt es Gänsehautmomente: Wenn die Dynamik plötzlich auf ein Minimum reduziert wird oder das ganze Orchester gemeinsam aufblüht.

Dieser Audio-Beitrag enthält Gema-Material und musste aus diesem Grund 7 Tage nach Veröffentlichung depubliziert werden.

Marije Grevink, 1. Geige

Die Bläser kommen im zweiten Stück zum Zuge. Mozarts „Gran Partita“, wie die Bläserserenade in B-Dur liebevoll genannt wird, bietet sich aufgrund kleiner Besetzung an. Sie besteht traditionell nur aus 13 Spielern: zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Bassethörner, vier Waldhörner, zwei Fagotte und Kontrabass. Einige Instrumente mussten für dieses unverhoffte Konzert also leider noch zuhause bleiben. Nichts desto trotz hat die „Gran Partita“ die Anmutung einer großen Sonate. Simon Rattle dirigiert mit einer frischen Gelassenheit und vertreibt damit jeden Gedanken an wuchtige Bläserstücke. Trotz Abstand fügen sich die ständig wechselnden Instrumentenkombinationen und Einzelstimmen zu einem gut funktionierenden, dynamischen Ensembleklang zusammen. Die Poesie und Klangpracht dieses siebensätzigen Stückes füllen den Zuhörer mit Zuversicht.

Dieser Audio-Beitrag enthält Gema-Material und musste aus diesem Grund 7 Tage nach Veröffentlichung depubliziert werden.

Ursula Kepser, Horn

Auch für Simon Rattle ist es das erste Konzert seit dem Lockdown. Der britische Dirigent hat nicht nur zum BR-Orchester ein gutes Verhältnis und ist als Gast immer gerne gesehen. Auch das Programm ist für den 65 jährigen mit Erinnerngen aufgeladen: „Fantasia on a theme by Thomas Tallis“ von Vaughan Williams war das erste Stück, das er dirigiert hat. Trotz aktueller Schwierigkeiten in der Kulturbranche strahlt Rattle Hoffnung aus. Darauf, dass es die Orchester durch diese Durststrecke schaffen werden und das Bedürfnis nach klassischer Musik bleiben wird. Aber er sagt auch ganz klar „Wir werden dafür kämpfen müssen".

 

People are going to need this [concerts], but we will have to fight for it. – Simon Rattle

SIR SIMON RATTLE DIRIGIERT VAUGHAN WILLIAMS UND MOZART: https://www.br-klassik.de/concert/ausstrahlung-2181166.html