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Historische Aufführungspraxis

Prof. Holger Speck über das anstehende Opern-Projekt

© Ulrich Wiederspahn

Von Ulrich Wiederspahn am veröffentlicht.

Informieren, reflektieren, entscheiden

Ende September ist im Festspielhaus in Baden-Baden Glucks Orphée et Eurydice zu sehen. Mit dabei sind das Vocalensemble Rastatt und das Freiburger Barockorchester. Holger Speck erzählt, was für ihn historische Aufführungspraxis ausmacht.

Ulrich Wiederspahn:  Unter historischer Aufführungspraxis verstehen die meisten Leute das Spiel auf historischen Instrumenten, was verstehen Sie darunter?

Prof. Holger Speck: Für mich bedeutet historische Aufführungspraxis, informiert zu sein. Zum Beispiel: Wie hat ein Hammerflügel aus der Zeit Schuberts geklungen? Wie war die Balance? Was war die Klangidee der Zeit? Um solche Dinge wissend kann ich mich auch ans moderne Instrument setzen und die Winterreise mit meiner Stimme, mit den heutigen Instrumenten wunderbar machen.
Wenn zum Beispiel ein Solist im Festspielhaus in Baden-Baden vor zweieinhalbtausend Leuten die Winterreise singt, hat das kaum mehr etwas mit der ursprünglichen Aufführungssituation zu tun. Kammermusikalische Kommunikation und Atmosphäre müssen nun in einer viel größeren Distanz funktionieren. Dem modernen Konzertbetrieb geschuldet, müssen solche Transformationen sein.
Orphée et Eurydice ist auch nicht in einem rechteckigen Konzertsaal, sondern für die Academie royale de musique in der Form eines runden Theaters uraufgeführt worden. So muß man für die neue Situation eine Balance zu finden: Einerseits damit die ursprüngliche Idee noch da ist, aber andererseits darf der Hörer in der letzten Reihe nicht das Hörgerät einschalten müssen.

© Patrick Siegrist

Prof. Holger Speck leitet das Vocalensemble Rastatt

Wie sollte ich mich denn konkret auf so ein Programm vorbereiten?

Informiere dich: lies was zu der Zeit los war, geistesgeschichtlich, politisch, allgemein kulturell. Und dann im kannst du entscheiden, warum du was wie machen möchtest. Ohne gründliche Information ist eine seriöse Aneignung der Musik kaum möglich. Allerdings: letztendlich muss der Impuls zum Musizieren aus der Musik selbst kommen; die Partitur „spricht“ ja zu uns.
Nur sind eben in einer barocken Partitur viel weniger Aufführungshinweise zu finden als in einer spätromantischen, da in der früheren Zeit der improvisatorische und konventionsgeschuldete Anteil viel größer und dem Künstler überlassen war.

Nochmal zurück zum Vocalensemble Rastatt: in welchen musikalischen Bereichen sind Sie unterwegs?

Wir haben uns vorgenommen, stilistisch vielfältig und offen zu sein. Wir schauen natürlich auch, wo wir kaum schlagbare Konkurrenz haben: zum Beispiel bei der ganz neuen Vokalmusik: Da gibt es das SWR Vokalensemble - man probt dort jeden Tag mit hochkarätigen Spezialisten für dieses Gebiet. Wir sind Projektweise unterwegs und ich sehe meine Musiker und Sänger erst einige Tage vor dem Konzert und das vier bis fünf Mal im Jahr. Da ergibt es kaum Sinn, dieses Feld auch bestellen zu wollen. Dazu kommt ein ökonomischer Aspekt: Das ist ja alles auch teuer: Reisekosten, Hotel und so weiter. Es geht immer darum, was in begrenzter Zeit vernünftig und hochkarätig machbar ist. Wenn ein Konzertveranstalter sagt: Ich hätte gerne Händels Israel in Egypt von euch, weiß ich, dass ich das innerhalb einer Woche schaffe.

Fühlen Sie sich mehr als Dirigent oder als Sänger?

Es ist eben auch der Sänger, der da dirigiert. Das ist vielleicht die Spezialität meiner Biographie, denn viele Leute sagen: „Obwohl er Professor für Gesang und Ensembleleitung ist, nehme ich ihn als Sänger gar nicht so wahr“. Ich verstehe das, aber es war meine Entscheidung, den Schwerpunkt auf das Dirigieren und die Gesangspädagogik zu legen. Ich kenne viele Kollegen, die sich auch etwas aus der Schusslinie nehmen, um genug Zeit für ihre Schüler zu haben.
Man braucht ein unglaubliches Nervenkostüm für den Job als Sänger. Ich bin da nicht ganz so robust aufgestellt. Wenn ich wüsste, ich muss ausschließlich von meiner Stimme leben – ich weiß nicht, ob ich so ruhig hier sitzen könnte...

Die Oper Orphee et Eurydice von Christoph Willibald Gluck ist vom Freitag, 27. September bis Sonntag, 29. September im Festspielhaus in Baden-Baden zu sehen. Weitere Infos unter: http://www.vocalensemble-rastatt.de