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„Ich empfinde Musik immer als einen Austausch“

Andreas Beinhauer im Interview

© Florian Wetzel

Von Sophie von Jena am veröffentlicht.

Der Bariton Andreas Beinhauer studierte Liedgestaltung und Gesang bei Prof. Mitsuko Shirai und Prof. Hartmut Höll an der Musikhochschule Karlsruhe und ist derzeit am Theater Chemnitz engagiert. Sophie von Jena hat mit ihm über erste Erfahrungen auf der Opernbühne und seine Verbundenheit zu zeitgenössischer Musik gesprochen.

Es war ein Kindheitstraum Musiker zu werden, so wie andere Feuerwehrmann oder Polizist werden wollten.– Andreas Beinhauer

Sophie von Jena: Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Andreas Beinhauer: : Also zur professionellen und klassischen über leichte Umwege. Es war ein Kindheitstraum Musiker zu werden, so wie andere Feuerwehrmann oder Polizist werden wollten. Ich habe im späteren Schulverlauf angefangen in Chören zu singen und immer wieder festgestellt, dass das gut funktioniert. Und mit ungefähr 16 Jahren entstand langsam der Wunsch das professionell zu machen. 

© Florian Wetzel

Sie standen während der Studienzeit dann das erste Mal auf der Opernbühne, was war das für ein Gefühl?

Ich bin ans Studium gegangen und habe gesagt: „Ich will nicht Oper machen. Ich will Chor- und Ensemblegesang machen, vielleicht Lied und Oratorium. Das ist meins! Diese Oper spielen, ne.“ Damit zieht mich mein Lehrer von vor dem Studium immer noch auf. Doch es hat sich relativ früh irgendwann in der Mitte meines Bachelorstudiums ergeben, dass die Opernschule ‚A Midsummer Night‘s Dream‘ von Benjamin Britten aufgeführt hat. Da man darin doch sehr viele Männerpartien besetzen muss, wurde eben ich gefragt, ob ich einen der jugendlichen Liebhaber spielen würde. Das war eine tolle Erfahrung, es war eine wirklich tolle Regie, die Produktion hatte eine große Magie. Andrea Rabe, die Regie geführt hat, hatte ein Bühnenbild konzipiert, das circa fünf Zentimeter unter Wasser stand. Das war schon abenteuerlich, weil wir immer alle mit Badehosen, Gummistiefeln und alten T-Shirts geprobt haben. Diese Atmosphäre hat es mir sehr leicht gemacht in Operngesang und Schauspiel einzusteigen. Aber man hat am Anfang schon bemerkt, dass ich Opern-Quereinsteiger war. 

Wann hat sich das zum Beispiel bemerkbar gemacht? 

Ich hatte in meiner allerersten Probe eine Streitszene mit meiner Spielpartnerin. Sie sollte auf mich zugerannt kommen und ich sollte sie irgendwie von mir wegstoßen. Ich habe das einfach gemacht, ohne groß darüber nachzudenken, und daraufhin ist die liebe Kollegin einfach gnadenlos in die Rabatten gehagelt. Das war meine erste Erfahrung auf der Opernbühne. Da habe ich tatsächlich intuitiv so reagiert, wie ich im richtigen Leben reagiert hätte. 

Hören Sie überhaupt privat noch Musik oder sind Sie dann schon beruflich so ausgelastet, dass Sie gar keine Lust mehr dazu haben? 

Ich muss sagen, wenn ich unter Volllast laufe, sehr wenig. Dann höre ich Musik tatsächlich nur beruflich, aber in der freien Zeit freue ich mich darüber, wenn ich auch zum Genuss Musik hören kann. 

Was für Musik hören Sie dann zum Beispiel am liebsten?

Das ist stimmungsabhängig. Es kann sein, dass ich heute der größte Mozartfan bin und morgen kann man mich damit jagen. Ich habe keinen Lieblingskomponisten, kein Lieblingsstück, keine Lieblingsarie. Ich habe Rollen, die mir liegen, und andere, die mir weniger liegen. Manchmal ist man irgendwie in Papageno-Laune und manchmal muss man sich sehr zusammennehmen, um überhaupt die Spaßkarte in sich zu finden. Das kennt jeder privat, mir als Ausführendem geht es aber genauso. 

 

Es kann sein, dass ich heute der größte Mozartfan bin und morgen kann man mich damit jagen.– Andreas Beinhauer

Sie singen auch moderne Stücke, was fasziniert sie an zeitgenössischer Musik?


Die komplette Freiheit des Komponisten zu tun und zu lassen, was er oder sie möchte. Dass man sehr, sehr viel experimentieren kann. Dass es nicht nicht mehr verpönt ist auch mal tonal zu komponieren, sondern man einfach aus dem gesamten Pool dessen, was an Musik jemals da gewesen ist, schöpfen kann, auch aus neuen Mitteln, um damit zu dem Ausdruck zu finden, den man eben sucht. Meine Lieblingsepoche für Liederabende ist die ganze Zeit, in der sich langsam die Tonalität aufgelöst hat, also die erste Hälfte bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Ich finde, da sind ganz tolle Lieder mit einer wahnsinnigen Ausdruckstiefe entstanden. Weil sich Komponisten wie zum Beispiel ein junger Schönberg dieser Schranken entledigt haben, nach gewissen tonalen Regeln zu schreiben. Dann haben sie teilweise wahnsinnige Texte mit krassen Ausdruckswelten genommen, denen sie genau so musikalisch begegnet sind. Also nicht mit Schönheit, sondern mit grässlichen Farben an den Stellen, wo sie angebracht sind, aber eben auch wieder mit versöhnlichen und schönen Farben an den Stellen, wo diese angebracht sind. 
 
Also schrecken Sie nicht davor zurück neue Musik zu entdecken, zu singen und auf die Bühne zu bringen, an das Publikum?


Absolut nicht. Ich habe große Freude am Austausch mit Komponisten. Ich persönlich empfinde Musik und Kunst allgemein immer als einen Austausch zwischen Künstler und Publikum, und entsprechend natürlich auch der Künstler untereinander. Dieses sprechen wollen und etwas übermitteln wollen fasziniert mich am Künstlersein. Dazu kommt noch die Komponente, dass man eben mit einer gewissen Demut anerkennen muss, dass man niemanden dazu zwingen kann, das zu verstehen. Ich kann versuchen eine zwingende Interpretation in dem Sinne zu schaffen, dass ich wirklich das Stück durchdrungen habe und mir sehr dezidiert klar über meine Position zu dem Stück bin. Aber es muss deswegen nicht sein, dass jeder, der das Stück hört, in dem Moment in seiner persönlichen Verfassung die Musik auch so annimmt. Ich gebe etwas, und das tue ich mit voller Überzeugung, und jemand anderes nimmt das auf, aber abhängig von dem, was er an Wissen, eigener Erfahrung und Empfindung hat. Dieses Gefühl der Kommunikation finde ich sehr wichtig und das eigentlich Magische an meinem Beruf. 

Meine Lieblingsepoche für Liederabende ist die ganze Zeit in der sich langsam die Tonalität aufgelöst hat– Andreas Beinhauer