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Ideenraub! ... oder doch nicht?!

Klassik in der Popmusik

© Ulrich Wiederspahn

Von Ulrich Wiederspahn am veröffentlicht.

Wenn sich die Popmusik an der Klassik bedient

Dieser Audio-Beitrag enthält Gema-Material und musste aus diesem Grund 7 Tage nach Veröffentlichung depubliziert werden.

Wenn eine Komponist eine Melodie von einem Kollegen abschreibt, dann ruft man heute schnell „Plagiat“ und „Ideenraub“. Dabei übersieht man leicht, dass die wenigsten Musiker nur blind kopieren – in den meisten Fällen zitieren sie, verändern einzelne Bausteine und schaffen so aus dem Bekannten etwas Neues.

Beethoven, Tschaikowsky, Billy Joel

Beethovens Klaviersonate 8, die sogenannte „Pathétique“ beinhaltet den vielleicht prominentesten Mittelsatz aller Beethovensonaten. Die Bekanntheit der Melodie und ihre Melancholie macht sich Billy Joel zu Nutze in „this night“.

Billy Joel klaut aber Beethoven nicht ohne Grund die Melodie. Beethoven macht in seiner „Pathetique“ etwas Ungewöhnliches: Die Melodie wird im gesamten Sonatensatz nicht verändert oder erweitert. Das Thema erscheint nur in verschiedenen Tonarten und mit triolischem Rhythmus. Das ist ein Phänomen, das man eigentlich aus der Popmusik kennt und nicht aus der Wiener Klassik. Auch Billy Joel variiert die Tonart: Die Strophe steht in A-Dur, der Refrain mit der Beethoven-Melodie steht in F-Dur.

Billy Joel orientiert sich offenbar gerne an klassischer Musik, auch in seinem Song „Leningrad“. Billy Joel wollte der erste US-Rockmusiker sein, der in der Sowjetunion auftrat. Mit Glasnost und Perestroika wurde das 1987 möglich. Dort in Leningrad traf Billy Joel einen russischen Clown Viktor, über den er ein Lied schrieb. Joel holte sich seine Inspiration bei dem wohl bekanntesten russischen Komponisten überhaupt: Peter Tschaikowsky. Die Einleitung hat Billy Joel nämlich nach dem Muster des ersten Satzes von Tschaikowskys Violinkonzert geschrieben Harmonik und Melodie sind sich sehr ähnlich. Es ist gewissermaßen eine Hommage an Russland, an die ehemaligen Feinde.

Die tausend Gesichter des Pachelbel-Kanons

Manche Klassik-Werke sind offenbar extrem inspirierend: Was haben die folgenden Popsongs gemeinsam? "Basketcase" von Green Book, „die Eine“ von der Band die Firma, „All together now“ von The Farm und Maroon 5s „Momories“

Sie beruhen alle auf wohlbekannten Harmoniefolge des Pachelbelkanons. Nicht nur, dass die Harmoniefolge so eingängig ist, dass sie viele Künstler heute noch kopieren, Maroon 5 übernimmt sogar die Melodie aus dem Mittelteil.

Ebenso wird die Pavane fis-Mioll von Gabriel Faure gerne aufgegriffen. Zarte, einprägsame Melodielinien inspirierten auch Little Mix in ihrem Song „Little me“. S Club 7 im Song „Natural“ ebenso und Norma Ray in ihrem Song “Tous les maux d´amour“.

Classic Rock

Dass die Klassik nicht nur bezaubernde Melodien liefert, die ein Popmusiker oder eine Popmusikerin klauen kann, beweist das Genre des Classik Rock. Die Glanzzeiten des Classic Rock waren zwischen 1965 und ´75. Die Musiker greifen zum Beispiel auf klassische Formen wie der Sonatenhauptsatzform zurück, oder sie beziehen sich eben auf bekannte Werke aus vergangenen Zeiten.
Modest Mussorgskys „Promenade“, der Beginn des Zyklus „Bilder einer Ausstellung“. Wer sagt denn, dass man die nur auf einem akustischen Klavier spielen muss? Emerson, Lake und Palmer haben mit ihrer Interpretation von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ eines der längsten und bekanntesten Werke im Genre Classic-Rock geschaffen. Man kann diese Rock-Version wohl als eine tiefe Verneigung vor der klassischen Musik verstehen.

Bearbeitungen früher und heute

Auf manchen Klassikliebhaber mag es etwas befremdlich wirken, wenn die Alte Musik in einem so ganz neuen Kontext auftaucht. Aber man darf nicht vergessen: Brahms, Beethoven, Mozart, Reger, Rachmaninoff… Sie haben alle die Werke alter Meister bearbeitet und die hören wir mit großem Genuss. Sie kennen bestimmt Beethovens „Diabelli-Variationen“. Aber was wissen Sie persönlich von Anton Diabelli?

Was Maroon 5, Billy Joel und all die anderen machen, ist im Grunde ja nichts anderes: Sie nehmen fertige Musik und färben diese mit ihrem persönlichen Touch. Nur, dass sie das dann nicht „Variationen über den Kanon von Johann Pachelbel“ nennen.

Weitere Klassik inspirierte Songs

"Russians" von Sting - "Leutnant Kijé Suite" von Prokoview
"Groovy kind of love" von Phil Collins - "Sonate" von Clementi
"How it is to be" von Jeanette Biedermann - "Schwanensee Suite" von Tschaikowsky
"All by myself" von Eric Carmen - "Klavierkonzert 2, zweiter Satz" von Rachmaninov
"Could it be Magic" Barry Manilow - "Prelude c-Moll"(op. 28) von Chopin