Kantor Lucas Bastian im Interview
„Wenn ich erzähle, dass ich Kirchenmusiker bin, sind viele überrascht“
© Jeremias Börsig
Viele Menschen wissen gar nicht, dass man Kirchenmusik studieren und hauptberuflich ausüben kann. Lucas Bastian, seit Juni 2023 Kantor an St. Bernhard am Durlacher Tor, erzählt, wie ihn die Orgel begeistert hat und warum Improvisation im Gottesdienst für ihn unverzichtbar ist. Außerdem spricht er über die Vielseitigkeit seines Berufs und die besondere Gemeinschaft, die er in Karlsruhe erlebt.
Wie sind Sie zur Orgel gekommen?
Mit sieben oder acht Jahren habe ich angefangen, Klavier zu spielen. Als ich später Ministrant wurde, kam ich regelmäßig mit der Orgel in Berührung. Irgendwann bin ich einfach zum Organisten gegangen und habe gefragt, ob ich das Instrument einmal ausprobieren darf. Die besonderen Klänge und die vielen Möglichkeiten der Orgel haben mich sofort fasziniert. Meine Großeltern erzählen außerdem, dass ich schon als Kind vom Kirchenraum und von der Orgel begeistert war.
Die Orgel wird oft als „Königin der Instrumente“ bezeichnet. Warum?
Sie hat einen enorm langen Atem, eine riesige Klangvielfalt und einen außergewöhnlich großen Tonumfang. Außerdem kann sie viele andere Instrumente imitieren, etwa Flöten, Oboen und andere Orchesterstimmen. Es braucht viel Übung. Vor allem das Pedalspiel ist für viele am Anfang eine Herausforderung. Mit der Zeit automatisiert sich die Technik aber, wie bei jedem anderen Instrument auch.
Was beinhaltet Ihr Berufsbild als Kantor?
Einer der wichtigsten Bereiche ist die Gottesdienstbegleitung. Das kann an der Orgel sein, aber auch in führender Position bei einem Chor oder mit Solisten. Ich leite verschiedene Ensembles, habe einen festen Chor und mehrere Projektensembles. Außerdem organisiere ich Konzerte, vermittle geistliche und klassische Musik, unterrichte Orgel und kümmere mich um organisatorische Aufgaben und die Öffentlichkeitsarbeit.
Ist das Besondere an Ihrem Beruf, dass er so vielseitig ist?
Ja, es ist ein unglaublich spannender Beruf. Man muss sehr breit aufgestellt sein. Die Anforderungen unterscheiden sich je nach Gemeinde, Stadt und Struktur. Gleichzeitig bietet der Beruf viele Gestaltungsmöglichkeiten.
Was macht die Arbeit als Kirchenmusiker an St. Bernhard für Sie so einzigartig?
Für mich ist das ganz klar die Gemeinschaft. Es ist eine sehr bunt gemischte Gemeinschaft durch alle Altersklassen und gesellschaftlichen Schichten. Hier in St. Bernhard ist sie sehr facettenreich, mit vielen internationalen Menschen und vielen Studierenden.
Die Kombination von Musik und Kirche ist für mich etwas ganz besonderes
Ist das auch das, was die Kirche Ihnen gibt?
Das ist eine schwierige Frage. Kirche und Glaube sind sehr persönlich. Es gibt einen Raum, in dem man Glauben offen leben kann. Kirchenmusik ist Dienst für und mit den Menschen. Man gibt etwas zurück und ist durch Musik und Glauben miteinander verbunden.
Sie haben die Gemeinschaft angesprochen. Was ist das Einmalige daran in Karlsruhe?
Mich hat beeindruckt, wie kollegial die Zusammenarbeit der hauptamtlichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker hier ist. Wir sind gut vernetzt, planen gemeinsame Projekte und unterstützen uns gegenseitig.
Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Menschen überrascht reagieren, wenn Sie erzählen, dass Sie Kirchenmusiker sind?
Ja. Viele reagieren zunächst, als würde ich einen ganz außergewöhnlichen Beruf ausüben. Oft fragen sie, ob man das überhaupt studieren und hauptberuflich machen kann. Daraus entstehen aber meist sehr interessante Gespräche.
© Jeremias Börsig
Lucas Bastian an der Orgel
Spielen Sie im Gottesdienst anders als bei einem Konzert?
Ja, sehr. Im Gottesdienst bist du Begleiter der Liturgie. Du reagierst auf Texte, Stimmungen und Abläufe. Die Musik richtet sich nach dem Gottesdienstgeschehen. Im Konzert hat man deutlich mehr künstlerische Freiheit.
Im Gottesdienst spiele ich ganz anders als bei einem Konzert
Also müssen Sie während des Gottesdienstes ständig beobachten, was passiert?
Genau. Wir haben hier eine Kamera und ich sehe über einen Bildschirm, was gerade passiert. Manchmal muss ich improvisieren, wenn eine liturgische Handlung länger dauert oder sich etwas spontan ergibt. Deshalb ist Orgelimprovisation ein eigenes Hauptfach im Studium. Man wird gezielt darauf vorbereitet, auf solche Situationen musikalisch reagieren zu können.