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"Man muss seine Sprache finden!"

Komponist Moritz Laßmann im Interview

© Marcel Hiller

Von Marcel Hiller am veröffentlicht.

Moritz Laßmann hat bereits im Alter von 15 Jahren angefangen zu komponieren. Jetzt ist er Student an der Hochschule für Musik in Karlsruhe. Im Gespräch mit Marcel Hiller erläutert der 31-Jährige seinen Komponistenalltag.

Marcel Hiller: Moritz, könntest Du ohne Musik überhaupt noch leben?

Moritz Laßmann: Das frag ich mich auch immer. Wenn ich jetzt plötzlich taub wäre, wie würde sich das anfühlen? Ohne Geräusche zu leben wäre schrecklich. Blind zu sein wäre genauso schlimm. Ich glaube aber, wenn ich wählen müsste, dass ich lieber weiter hören würde.

Man kann quasi jedes Instrument spielen.– Moritz Laßmann über das Komponieren

Was ist für Dich die Faszination am Komponieren?

Einerseits das Arbeiten mit anderen Leuten, und andererseits, dass man das, was man mag, einfach so ausdrücken kann. Man kann quasi jedes Instrument spielen. Ich wollte immer Fagott spielen – kann ich aber nicht. Aber ich kann für Fagott schreiben. Für jedes Instrument. Das macht einfach Spaß.

Wie drückst Du Deine Musik aus?

Bei mir sind die Harmonien immer ganz wichtig und da versuche ich für mich "schöne" Akkorde zu bilden. Ich höre die Akkordfolgen dann ziemlich oft bis ich herausgefunden habe, ob sie passen. Danach kommt der nächste Akkord. Die Rhythmik ist natürlich ebenfalls wichtig, aber bei mir nicht so sehr wie die Harmonik. Ich könnte jetzt gar nicht mit Computermodellen oder ähnlichem arbeiten und mich an strikte Regeln halten.

Seit 2003 machst Du eigene Kompositionen. Was war der Auslöser dafür, dass Du mit dem Komponieren anfängst?

Das war zufällig! Ich habe bei einem Freund ein Computerprogramm entdeckt, wo man Noten eingeben kann. Das habe ich mir besorgt und angefangen Noten zu schreiben. Ich habe mich darin weiterentwickelt, für immer größere Besetzungen, mal fürs Schulorchester, mal für kleinere Ensembles, Stücke geschrieben. Nach der Schule bewarb ich mich in Darmstadt für ein Geigenstudium, wurde aber nicht genommen. Dabei wollte ich schon immer Komposition studieren, aber ich dachte man muss dafür sehr gut Klavier spielen können. Dann habe ich mich in Frankfurt beworben, bei Claus Kühnl, der zu mir sagte: „Bewirb dich, das geht auch ohne Klavier“. Da wurde ich genommen, aber mit Bratsche als Hauptinstrument. Dann bin ich drin gewesen – was ich immer wollte.

© Moritz Laßmann

Moritz Laßmann beim Komponieren. Er wollte unbedingt in die Kompositionsklasse von Markus Hechtle an der HfM.

Von Frankfurt ging es weiter an die Hochschule für Musik Karlsruhe. Wie kam es, dass Du Dich für die HfM entschieden hast?

Ich habe mich an verschiedenen Hochschulen vorgestellt, auch hier bei Markus Hechtle und ich wollte unbedingt zu ihm. Er war mir sofort sympathisch, darum bin ich jetzt schon so lang hier. Meine beiden Professoren, dazu zählt auch Wolfgang Rihm, sind super. Die Hochschule ist schön und die Musiker sind toll.

Wie lernt man denn Komposition?

In Frankfurt hat man viel von anderen Zeitgenossen gelernt, deren Stücke analysiert um zu sehen wie sie arbeiten. Natürlich auch die Arbeit der Kommilitonen. Kritik an meinen und an deren Stücken. Miteinander reden. Auch über andere Sachen, die gar nichts mit Musik zu tun haben. So sieht der Unterricht auch in etwa hier aus, nur etwas lockerer.

Wie lange arbeitest Du an einem Stück?

Wenn es eine kleine Besetzung ist natürlich nicht so lange wie bei einer großen Besetzung. Und wenn man mal eine Idee hat an die man sich hält, wie das Stück laufen kann, dann geht das relativ schnell. Dann kann auch mal ein Orchesterstück in vier Wochen geschrieben sein.

Ich greife mal die Ideen auf: Gibt es einen Ort, an dem Du am besten komponieren kannst, wo Dir die besten Ideen kommen?

Daheim in meinem Zimmer, da mache ich das meiste. Ich habe so ein Programm auf meinem Tablet, da kann man gut im Bett arbeiten. Da liege ich dann und mache so ein paar Skizzen. Natürlich auch mal hier, im Schloss zum Beispiel oder auch im Zug.

Hast Du musikalische Einflüsse von anderen Komponisten in Deinen Stücken?

Bestimmt. Barockmusik mag ich sehr und ich glaube, dass man das bei mir in der Harmonik ein bisschen hören kann. Ein paar barocke Akkordfolgen vielleicht. Eine Zeit lang fand ich Alfred Schnittke ganz toll und habe seinen Kompositionsstil ein wenig umgewandelt und angewandt. Bei einem meiner letzten Stücke fand ich eine Stelle in einem Stück von Edward Elgar ganz toll. Die habe ich dann auch eingebaut. Aber man hört nicht, dass sie drin ist. Wenn man genau hinguckt in die Noten, dann sieht man es vielleicht schon. Beim neuesten Stück wird man ebenfalls Anlehnungen hören können.

Gibt es bei Dir auch mal Kompositionsblockaden?

Gerade schreibe ich ein Stück für Klavier. Da fehlen mir noch zwei Akkorde. Die fallen mir einfach nicht ein, die finde ich nicht.

Und wie gehst Du da ran?

Ich höre einige Akkorde durch, bis sie in den Zusammenhang passen mit dem, was schon vorher besteht. Da suche ich jetzt die ganze Zeit schon.

Gab es auch schon den Fall, dass Du was geschrieben hast und dann gedacht hast, das passt jetzt nicht mehr?

Das kommt zum Beispiel vor, wenn ich im Bett liege. Dann schreibe ich um drei Uhr nachts etwas auf, finde es ganz toll. Am nächsten Morgen finde ich es Scheiße, oder am nächsten Mittag, wenn ich aufstehe. Ich lösche es dann, oder wenn ich am Papier arbeite, streiche ich es durch. Aber ganz vernichte ich es meistens nicht, ich lasse es dann irgendwo anders gespeichert. Auf dem Blatt ist es ja auch noch zu sehen, selbst wenn ich es durchstreiche. Denn manchmal fange ich später damit doch noch was an.

Wie sieht dein Tagesablauf als Kompositions-Student aus? Aufstehen, Kaffee trinken, Notenpult?

Ich stehe immer ganz spät auf, wenn ich nicht hier hermuss. Dann gucke ich erst mal im Internet nach den neuen Nachrichten. Ich bin wirklich immer so spät wach, dass ich dann fast schon zu Abend esse. Abends bis nachts fange ich an zu komponieren. Also von zwei bis sieben Uhr oder so. Und anschließend schlafe ich wieder ewig lange. Außer ich muss hier her, dann läuft das anders.

Man muss seine Sprache finden!– Moritz Laßmann

Hast Du noch Tipps für angehende Komponisten?

Einfach anfangen und möglichst viel Musik kennen lernen, aus allen Epochen, natürlich auch viel Neue Musik. Partituren lesen und selbst musizieren. Und dann einfach schreiben. Man darf ja prinzipiell machen was man will und kreativ sein. Wichtig: Nicht kopieren! Denn das ist ja eine Stilkopie. Das kam zum Beispiel letztens bei einem Bewerber für den Kompositionsstudiengang vor: Es klang perfekt wie ein Zeitgenosse von Rachmaninow. Aber das ist keine eigene Musik – nicht die eigene Sprache. Man muss seine Sprache finden!

Mehr Infos zu Moritz Laßmann gibt es auf seiner Homepage http://www.moritzlassmann.de

(Zweite aktualisierte Bearbeitung vom 29. Juli 2019)