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Meine Aufgabe ist ein Sechser im Lotto

Ein Interview mit dem Gesangsdozenten Prof. Holger Speck

© Patrick Siegrist

Von Ulrich Wiederspahn am veröffentlicht.

"Eine tolle Aufgabe"

Holger Speck liebt seinen Beruf als Pädagoge an der Hochschule für Musik Karlsruhe. Selbst bei 30° Außentemperatur und nach sechs Stunden Hauptfachunterricht am Stück sieht man ihn zufrieden summend durch die Gänge laufen.
Im Gespräch mit Ulrich Wiederspahn erklärt der Professor für Gesang, den man auch als Leiter des Rastatter Vocal-Ensembles kennt, woher die große Begeisterung für seine Arbeit kommt und wie man Musik packend interpretiert.

Mit Menschen wirklich an der Stimme und an sich selbst zu arbeiten, interessiert mich eigentlich am meisten.– Prof. Holger Speck über seine Arbeit an der HfM

Ulrich Wiederspahn: Was ist Ihr Arbeitsschwerpunkt an der Hochschule für Musik Karlsruhe?

Prof. Holger Speck: Von meinem Deputat ist die Hauptsache der Gesangsunterricht - ich habe viele Stimmtypen in meiner Klasse. Ich muss mich auf jeden einstellen, der hier reinkommt; egal, ob der im Leben vielleicht mal fünf Töne gesungen hat oder eine bestimmte Partie im nächsten Jahr einstudieren will. Und das finde ich wahnsinnig herausfordernd und eine tolle Aufgabe. Denn das interessiert mich eigentlich am meisten: Mit Menschen wirklich an der Stimme und an sich selbst arbeiten, weil das am dichtesten am Menschen ist.

Warum sind Sie als aktiver Gesangsdozent nicht singend im Netz zu finden?

Das kann sein, dass ich mich als Sänger aus der Schusslinie genommen habe, weil ich nicht unbedingt im Konzertgeschäft präsent bin. Ich will mich in diesem Portfolio nicht in erster Linie als solistisch aktiver Dozent darstellen.

Was macht denn für Sie den Stellenwert dieser Musikhochschule aus?

Für mich hat sich das ganz glücklich gefügt, weil mein Arbeitsschwerpunkt auch wegen des Rastatter Vocal-Ensembles hier in der Gegend ist. Und als sich hier die Möglichkeit bot, genau in diesem Segment, was mich interessiert - nämlich Arbeit mit Stimmen mit Ensemble-Arbeit zu verbinden - dachte ich: Sechser im Lotto! Dass genau diese Mischung in einer Stelle so drin ist, das ist total selten.

Mich hat das interessiert, dass die Hochschule sagte, sie möchte für die Sängerausbildung auch den Bereich des professionellen Ensemblesängers anbieten. Der geringste Prozentsatz der Absolventen ist später exakt in dem Beruf tätig, für den sie sich da eingeschrieben haben. Und wenn dieses Segment in der Ausbildung nicht da ist, dann sind die unter Umständen später aufgeschmissen. Deshalb bieten wir ein Vokalensemble an - als Möglichkeit für die Studenten, das auszuprobieren.

Wir machen jetzt im nächsten Semester ein Projekt im Schumannhaus in Zwickau mit Hartmut Höll am Klavier. Auch ein Konzert hier in Karlsruhe beim Clara-Schumann-Festival mit kleineren Besetzungen.

© Ulrich Wiederspahn

Die Beschäftigung mit der Herkunft der Musik ist für Holger Speck das Wichtigste für eine authentische Interpretation.

Sie haben in einem Video der HfM gesagt: „Empfindung kommt vor dem Ausdruck“. Was heißt das?

(Lacht) War die Henne zuerst da oder das Ei? Das ist ständig Thema im Gesangsunterricht, denn wir alle suchen nach Ausdruck. Und dann denke ich immer, woher soll denn dieser Ausdruck kommen? Oft wird dem Schüler nicht gesagt: „Sei empfindungsreicher“.

Es muss erst ja etwas drinnen sein, bevor es rauskommen kann.

So! Denn wenn ich einen intensiven Staumoment beim Singen habe, wird der Klang entsprechend sein. Wenn ich nur gesagt bekomme: „Sei ausdrucksvoller!“, ist das so eine Suche nach irgendwelchen Tools: Mehr Text, mehr was weiß ich. Aber ich finde, das wird schnell oberflächlich.

Ich habe über Sie etwas von „zwingenden musikalischen Interpretationen“ und „zwingender Stiltreue“ gelesen…

Also das ist tatsächlich vielleicht ein bisschen missverständlich, weil zwingend verstehe ich so, dass etwas authentisch gestaltet ist. Wenn Sie sagen, Sie singen ein Stück von Schubert und für Sie ist die Empfindung gerade so; dann ist das zwingend - das meine ich. Weil dann im Moment die authentische Äußerung nur so sein kann, wie sie gerade ist. Es soll nicht heißen: Das geht nur so, oder es muss so sein; sondern es muss in dem Moment so sein.

Wie erreicht man das?

Beschäftigung mit der Musik. Die Beschäftigung mit der Partitur - mit der Herkunft der Musik, Text, Biografie des Komponisten, Umstand der Entstehung des Stückes und so weiter – muss so intensiv und so gründlich ist, dass daraus auch eine belegbare Interpretation entsteht. Also ich muss eigentlich immer sagen können, warum ich etwas auf diese Weise mache. Wenn man das nicht sagen kann, macht man sich angreifbar und wird auch der Ernsthaftigkeit der Komposition nicht gerecht. Es kommt dann ja immer noch, Gott sei Dank, ein großer Teil von Spontanität, Intuition und Tagesform dazu.

Die Musik will durch uns lebendig gemacht werden!– Prof. Holger Speckk

Ich spüre bei Ihnen eine enorme Begeisterung, wo kommt die her?

(Lacht) Das ist die wunderbare Musik, die durch uns lebendig gemacht werden will, die durch unseren Körper, durch unsere Seele nach draußen will!

Und dass wir das hier auf einem so hohen Niveau machen dürfen an den Musikhochschulen in Deutschland, darum werden wir in der Welt beneidet. Ich bin jedes Jahr eine Woche in Rio zum unterrichten. Wenn ich den Studenten da zeige, so sieht das bei uns aus, da sehe ich leuchtende, glänzende Augen, weil das überhaupt nicht selbstverständlich ist, dass man jahrelang mit Einzelunterricht betreut wird; das kostet die Gesellschaft ja wahnsinnig Geld. Und die Rechtfertigung dafür, finde ich, kann nicht nur sein: „Der verdient dann hinterher auch 5000 Euro im Monat damit“, sondern wir bilden Menschen aus, die sich hörend, sprechend, tanzend, singend einbringen in die Energie der Welt, um es mal ein bisschen esoterisch zu sagen. Und wenn wir das nicht mehr machen - nicht nur in der Musik, auch in anderen Künsten - verarmt eine Gesellschaft: Dann hat sie keine Visionen oder Fantasie mehr, zieht sich zurück auf das Bruttosozialprodukt. Und in so einer Gesellschaft möchte ich nicht leben. Dass man aber hier hereinspazieren kann und auf junge Leute trifft, das ist eine unglaubliche Sache.
Das zum Thema Motivation.

Die anstehenden Projekte des Vocalensembles Rastatt sind ein Chorkonzert mit Werken von Brahms, Schumann, Mahler und Elgar, sowie Glucks Oper "Orphee et Eurydice". Näheres findet ihr hier: https://vocalensemble-rastatt.com/aktuell.html