JKK

Junger Kulturkanal

LÄUFT

Musik mit Leichtigkeit

Interview mit Ute Frenzel von der Musikakademie Diapason

© Musikakademie Diapason

Von Lilly Timme am veröffentlicht.

Die Möglichkeit, andere zu erleben, feuert uns an – und dieses Feuer nutzen wir hier.– Ute Frenzel

Ute Frenzel hat vor 27 Jahren die Musikakademie Diapason in Karlsruhe mitbegründet und leitet diese. Die Einrichtung ist bekannt für ihre Ausbildung auf allen Streichinstrumenten. Dabei setzt das Team auf ein freies Lernkonzept statt Leistungsdruck. Lilly hat mit Ute Frenzel über ihren Ansatz gesprochen.

Lilly: Frau Frenzel, denken Sie, dass jeder Mensch musikalisch ist?

Ute Frenzel: Ja, weil jeder Mensch eine Stimme hat und Sprache auch schon Musik ist. Ich glaube, dass wir lernen können, auf unsere Stimme zu hören. Wir können entdecken, dass wir durchaus in der Lage sind, in unterschiedlichen Tonhöhen zu sprechen oder dass unsere Emotionen unterschiedlich kraftvolle Stimmlagen erzeugen. Unser Motto lautet: „Es schläft ein Lied in jedem Kind“. Das zu wecken, ist eine sehr spannende und freudvolle Arbeit.

Sie sprechen von der Stimme – hat der Unterricht an Ihrer Musikakademie einen besonders interdisziplinären Ansatz?

Ja, Instrumentalunterricht baut generell auf der Stimme auf, wenn das Instrument zum eigenen Ausdrucksmittel werden soll.

Das heißt, man singt auf dem Instrument?

Das wäre wunderbar, oder?

© Musikakademie Diapason

Bei großen Projekten sind alle Schüler:innen und Lehrer:innen dabei

Was unterscheidet Ihre Musikakademie von einer konventionellen Musikschule?

Dass wir alle Schüler kennen. Wir sind sieben Lehrer. Jeder kennt durch die Vorspiele alle Schüler. Wir haben eine persönliche Beziehung, hören die Entwicklung eines jeden und sprechen im Team darüber. Das ist etwas Wunderbares, weil ein Schüler dann nicht von nur einem Lehrer abhängig ist. Außerdem bereitet jeder Lehrer, der die Kleinen unterrichtet, auch Schüler aufs Studium vor. So gibt es keine Brüche in der Entwicklung. Die Schüler kennen sich auch untereinander. Wir haben ein Kammerorchester für die Fortgeschrittenen und ein Orchester für die Kleinen, wo wir sie für das große Orchester schulen. Das ist systematische Aufbauarbeit, die wir letztlich machen. Bei den Kinesis Projekten, das sind große Projekte, die wir gemeinsam entwerfen, entwickeln und aufführen, sind alle Schüler und auch die Lehrer dabei. Das ist etwas Großartiges, weil Leistung und Erfolg nie allein geschehen. Die Möglichkeit, andere zu erleben, feuert uns an – und dieses Feuer nutzen wir hier.

Sie haben gerade schon „Kinesis“ angesprochen, eine Methode, die Sie selbst entwickelt haben. Was beinhaltet diese?

Es geht darum, dass wir natürliche Wachstumsvorgänge mehr achten. Dass wir bewusst schauen, was sich entwickeln will. Bewertungen wie „Mein Kind kann nicht singen“ haben mir ziemlich wehgetan, weil sie Kinder verletzen. Das aufzufangen und auch aufzubereiten mit Unterrichtsmaterialien, hat mich dazu gebracht, den Kindern einen speziell eingerichteten Raum anzubieten, wo sie Zugriff auf ihre Vorlieben haben oder wo sie etwas Neues kennenlernen, was sie Zuhause noch nie gesehen haben. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem sie herausfinden können: „Wie kann ich mich mit anderen wohlfühlen? Wie kann ich den Weg finden zu Freundschaften? Werde ich verstanden, wenn ich über meine Ängste rede?“, aber auch: „Wie stark bin ich für mich allein?“. Das sind letztlich Vorbereitungen auf die Bühne des Lebens. Mit der Kinesis-Methode habe ich einen gleichwürdigen Umgang angestrebt. Das bedeutet, dass die Begabungen, die ein Kind mit auf die Welt bringt, Nahrung bekommen und dass wir sie dadurch erst wahrnehmen.

© Musikakademie Diapason

Kammermusikensembles motivieren die Schüler:innen zum Üben

Sie versuchen, ohne Druck zu arbeiten. Wie gehen Sie bei Schüler:innen vor, die mal eine Zeitlang weniger Lust haben zu üben?

Darüber sprechen wir. Wir sagen dann nicht „Du bist faul“. Es gibt immer Gründe, weshalb man eine gewisse Depression entwickelt. Ich glaube, wenn jemand nicht übt, dann ist gerade ein Kraftpotenzial beeinträchtigt. Vor allem in den Kinesis-Gruppen, in denen mehrere Kinder ins Gespräch kommen, merken sie, dass andere auch mal keine Lust haben. Dann halten sie sich nicht für doof oder faul, sondern suchen nach den Gründen. Letztlich geht es um das Ziel. Wenn ich ein Instrument spielen möchte, werde ich auch einen Weg finden. Und wir haben natürlich das wunderbare Mittel der Kammermusik. Wir erklären dem Kind: „Wenn du mit denen spielen willst und Lust hast, mit ihnen zusammen zu sein, geht es nicht, ohne dass du deinen Part lernst.“ Da kriegen die meisten wieder den Einstieg.

Welche Fähigkeiten, außer dem Instrumentalspiel, kann man durch Ihren Musikunterricht noch erlernen?

Spannend ist, dass wir die Kinder bei Vorspielen in der Schule völlig unbeeindruckt erleben. Sie können einfach mehr über sich selbst hinwegschauen, sind nicht so gefangen in ihren Ängsten. Ich habe ein Beispiel, was ich immer wieder wunderbar finde: Ich habe einen meiner Bratschenschüler auf einen Wettbewerb vorbereitet. Als er vor der Tür stand, um auf die Bühne zu gehen, fing er an zu weinen und sagte „Das kann ich nicht, das schaff ich jetzt nicht“. Da habe ich gesagt „Gut, wir gehen nach Hause“. Und in dem Moment hat er die Tür aufgemacht, ist reingegangen, hat absolut spitzenmäßig gespielt. Später hat sich dieser junge Mann in der Textilbranche beworben. Da waren wahnsinnig viele Bewerber und die Eltern haben zu mir noch lachend gesagt „Naja, der fährt halt mal da hin“. Und dann kamen sie, haben bei mir geklingelt und gesagt „Wir müssen Ihnen was erzählen!“. Von 200 Bewerbern haben sie ihn ausgewählt und wissen Sie mit welcher Begründung? „Der hat schon auf der Bühne gestanden, der kann mit Öffentlichkeit umgehen“. So viel zu Ihrer Frage.

Hat sich das Lernverhalten der Kinder in den 27 Jahren, die Sie hier schon tätig sind, verändert?

Ja, denn unser Konzept hat sich entwickelt, weil wir das Leben anders verstehen. Ich glaube daran liegt es, dass sich unser Blick auf die Kinder verändert hat und sie sich deshalb auch. Am Anfang ging es grundsätzlich um Konkurrenz, Wettbewerb, Spitzenleistungen, damit wir uns etablieren. Das hat sich entschieden geändert, weil wir glauben, dass auch einer, der an der Spitze steht, das ohne das Fundament nicht schafft. Zwischen der Begabung und dem Erfolg ist die Anstrengung, die Konzentration, die Widerstandskraft. Diese ganzen Attribute den Kindern begreiflich zu machen, ist unsere Aufgabe. Und nicht mehr nur die richtigen Noten, zur richtigen Zeit, an der richtigen Stelle. Dadurch hat sich auch das Verhältnis unter den Kindern gewandelt. Sie finden hier wirklich Freundschaften.