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Nie den Blick für den Moment verlieren

Klarinetten-Professor Julius Kircher im Interview

© Franziska Gilli

Von Franka Hennes am veröffentlicht.

Seit 2019 ist Julius Kircher Professor für Klarinette an der Hochschule für Musik Karlsruhe. 

Im Gespräch mit Franka Hennes erzählt er, wie er zur Klarinette gekommen ist und was die Herausforderungen als Professor sind. 

 

Franka Hennes: Wieso Klarinette?

Julius Kircher: Ich hab früh angefangen mit Blockflöte, das wars nicht, das wusste ich relativ schnell. (lacht) Plötzlich fand ich mich dann unfreiwillig auf dem Klavierhocker wieder, weil mein Bruder Klavier gespielt hat. Das habe ich auch ganz gern gemacht, wusste aber auch, dass ich etwas anderes spielen wollte. Als ich ungefähr neun Jahre alt war, waren wir mit meinen Eltern im Urlaub auf Bornholm und da hat eine Dixieland Band gespielt. Im Dixieland gibt es für Klarinette ja recht viel zu tun und der Klarinettist dort war sehr virtuos, das fand ich großartig und ich wollte das auch machen. Der Musikschulleiter hat dann noch gesagt, ich solle unbedingt Fagott spielen, aber mein Widerstand war wohl groß genug, dass es Klarinette sein musste. 

 

 

Der Musikschulleiter hat dann noch gesagt, ich soll unbedingt Fagott spielen, aber mein Widerstand war wohl groß genug, dass es Klarinette sein musste.– Julius Kircher

Nach vielen Jahren im Orchester sind Sie Professor für Klarinette an der Hochschule für Musik in Karlsruhe geworden. Was sind die Herausforderungen des Jobs?

Die Herausforderungen im Unterrichten sind, dass man es schafft, nie den Blick für den Moment zu verlieren. Dafür, was jetzt gerade fehlt. Ich finde, das ist die größte Aufgabe, sonst ist man verschlossen für die richtige Maßnahme. Und ansonsten bringt dieser Job einfach sehr viel mit, was ich als Orchestermusiker oder Kammermusiker nicht so sehr hatte. Man ist in einer gewissen Form „Manager“. Man organisiert sehr viel, steht viel mit Anderen in Kontakt. E-Mails schreiben, Mitwirkung in Gremien, all das. Da musste ich mich ein bisschen selbst neu finden.

 

Vermissen Sie teilweise die Orchesterarbeit?

Das kann ich relativ direkt und klar beantworten. Ja, ich vermisse es. Aber der entscheidende Punkt ist, ich bereue die Entscheidung, Professor zu werden nicht. Ich finde es ganz toll, was ich hier machen kann, aber das Orchesterspiel ist auch ein schöner Job. Ein anders schöner Job, ganz klar. 

 

Worauf kommt es für Studierende im Klarinettenstudium an?

Es gibt bestimmte greifbare Dinge, wie das Handwerkliche, eine Kontinuität in der Ausbildung und dass man einen technischen Leitfaden bekommt. Das ist das Technische und hat mit der Herangehensweise und dem Kontakt zum Instrument zu tun. Eine andere Aufgabe ist es, eine gewisse Literatur kennenzulernen.

Jetzt wird es immer weniger Konkret, aber das finde ich ganz wichtig: dass man einen weiten Blick auf unsere Arbeit, das Musizieren bekommt. Dass die Studierenden offen für alle Stile sind und in allen Stilen zu Hause sind und dafür ein Gespür entwickeln. In letzter Konsequenz bedeutet das, dass sie eine künstlerisch eigenständige Persönlichkeit werden. 

 

Was möchten Sie Ihren Studierenden mit auf den Weg geben?

Ich finde es wichtig, dass man einen gewissen Anspruch an dem hat, was man tut. Das meine ich auf eine ganz unverkrampfte Art und Weise, weil das oft anders, perfektionistisch interpretiert wird und das Wort Perfektionismus finde ich ganz schwierig in der Musik. Es geht darum, etwas so gut zu machen wie es geht und viel wichtiger: dies mit Leidenschaft zu tun! Dass man bereit ist, viel von sich zu geben und Freude am Musizieren hat, damit es einen selbst und andere erfüllt. 

 

 

Es geht darum, etwas so gut zu machen wie es geht und viel wichtiger: dies mit Leidenschaft zu tun! Dass man bereit ist, viel von sich zu geben und Freude am Musizieren hat, damit es einen selbst und andere erfüllt. – Julius Kircher

© Franziska Gilli

Die Coronakrise hat das Musikstudium, in dem das Ensemblespiel einen wichtigen Teil ausmacht, stark eingeschränkt. Welchen Einfluss hatte das auf Ihre Studierenden?

In der Corona-Zeit hatte ich das Gefühl, dass nicht weniger als 50 Prozent der gesamten Ausbildung einfach flöten gehen. Alles, was man übt, ist nur bedingt etwas wert, wenn man es nicht anwenden kann. Ich habe den Studierenden gesagt: „Nehmt es so an, wie es ist und wandelt die gesamte Frustration darüber um. Jetzt habt ihr die Gelegenheit, euch mit diesen Dingen ohne Verkrampfungen auseinanderzusetzen, weil ihr nichts bestimmtes abliefern müsst.“ Jetzt haben wir wieder das Luxusproblem, dass wir uns auf allen Ebenen einbringen und verausgaben können, das hat einfach komplett gefehlt. Wenn man rein vom Instrumentalen absieht, ist das Ensemblespiel einfach der wesentliche Teil des Musizierens und des Musikers. Der Musiker muss offen sein, offen für andere Menschen, fürs Mitspielen, fürs Zusammenspielen. In den seltensten Fällen ist man ganz alleine. Was fehlte hatte also viel mit der musikalischen Persönlichkeit zu tun, weniger mit den instrumentalen Fähigkeiten.