JKK

Junger Kulturkanal

LÄUFT

Palimpsest

Eine Tanzchoreographie für die Ohren

© Sophie von Jena

Von Sophie von Jena am veröffentlicht.

Ich sitze auf den Steinstufen vor dem Eingang des Theaters Freiburg. Vor mir liegt der Platz der Alten Synagoge in geschäftigem Treiben. Eine Straßenbahn fährt vorbei, Studierende sitzen unter einer großen Kastanie und haben ihren Bluetooth-Lautsprecher aufgedreht, eine Fahrradfahrerin klingelt. Hört und sieht man genau hin, hat der Platz noch viel mehr Sinneseindrücke zu bieten.

Und genau diese Eindrücke hat Nicole Seiler mit in ihre virtuelle Tanzchoreographie rund um das Theater eingebaut. Ich hole mein Handy aus der Tasche und öffne die App „Palimpsest“, denn ausschließlich so kann man sich die Choreographie anhören. Das Wort kommt ursprünglich aus dem Altgriechischen und beschreibt eine Seite Papyrus, von der durch Waschen oder Schaben der Text entfernt wurde und sie danach wiederbeschrieben wurde. Ein Neuanfang also. Eben diesen hat auch der Platz der Alten Synagoge erfahren. In der Reichspogromnacht ist die Synagoge komplett niedergebrannt, das Theater wurde 1944 durch einen Luftangriff zerstört. Das Theater wurde wieder aufgebaut, auf den Umrissen der Alten Synagoge ist nun ein Brunnen. Ich wähle in der App „Freiburg im Breisgau“ aus. Durch Ortungsdienste kann die App auf meinen Standort zugreifen und ich kann eine Audiodatei abspielen.

Du gehst als Nächstes in Richtung Theater. Die Säulen beobachten deine Ankunft.– aus der Audiochoreographie "Palimpsest"

In den Kopfhörern ertönt ein rhythmisches Ticken. Eine weibliche Stimme trägt die Koordinaten des Platzes vor. Von diesen aus werden der Platz und die Gebäude rundherum beschrieben. Die Sprechstimme wird durch atmosphärische Klänge wie ein Reinigungsfahrzeug oder Kinderlachen untermalt, wodurch eine realistische Gesamtstimmung entsteht. Obwohl ich am selben Ort sitze und gerade kein Reinigungsfahrzeug vorbeifährt, wird meine Vorstellung durch die präzise sprachliche Beschreibung gelenkt. Wie in einer hyperrealistischen Erzählung tauchen somit vor meinem inneren Auge die Protagonisten auf. Unten an den Treppenstufen steht ein Seifenblasenkünstler und weiter hinten kann ich die Performance einer Tänzerin beobachten. Der weitere Verlauf der Audiochoreographie leitet ins Theater über, eine Tänzerin mit weitem, wehendem Kleid auf der Bühne blickt starr ins Publikum. Eine Anspielung auf das Weltbekannte Solo „Hexentanz“ während des Gastspiels von „Mary Wigman und ihre Tanzgruppe“ im Februar 1935. Es werden auch noch andere historische Ereignisse am Platz in die Choreographie eingearbeitet: eine Demonstration von „Fridays for Future“ und die „Night of Light“, sie sollte auf die prekäre Situation des Kultursektors während der Coronapandemie aufmerksam machen.

 

© Sophie von Jena

Der Tanzbrunnen bei der Universitätsbibliothek

Ein kleiner blinkender Punkt auf der Karte in der App leitet mich weiter zur zweiten Station: dem Tanzbrunnen. Vorbei an der modernen Glasfassade der Universitätsbibliothek neben dem Alleegarten liegt das flache, runde Becken. Diesmal wird durch tänzerische Gitarrenmusik im Gegensatz zum rastlosen Tummeln am Platz der Synagoge eine ganz neue Stimmung geschaffen. Hier liegt der Fokus der Choreographie mehr auf dem Tanz als der Historie des Brunnens. Die präzisen Beschreibungen der Bewegungen in Einklang mit der Musik ziehen mich direkt mit den Tänzern auf die provisorische Tanzfläche im trockengelegten Brunnenbecken. Die Tanzmusik klingt langsam aus, doch auch nach Ende des Audios kann man in der App noch einige Fakten zu den Orten nachlesen.

© Bivgrafik GmbH

Das App-Design ist von blauen, geometrischen Formen geprägt

Die Idee zum Projekt ist hauptsächlich durch die Pandemie entstanden. Weil man nicht ins Theater gehen konnte, hat Nicole Seiler auf diese Weise das Theater nach draußen geholt. Nach einem halben Jahr Planung, Gesprächen mit Historiker:innen und intensiver Beobachtungszeit an den zwei Plätzen hat die Choreographin angefangen eine Geschichte zu entwickeln. Ursprünglich stammt das Konzept aus der Schweiz, dort hatte sie ihre erste Audioproduktion am Theater in Lausanne. Mittlerweile kann man so 10 Orte in der Schweiz virtuell vor Ort entdecken, sowie Luxemburg und Freiburg im Breisgau. Im Rahmen der „Summer Stage“ des Theaters Freiburg vom 3.- 27. Juli wurden die beiden Audiostandorte am Theater freigegeben. Den ganzen Monat finden so durch das Programm „Kunst trotz Abstand“, gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, vor dem Theater verschiedene Kulturveranstaltungen statt. Danach ist der Standort Freiburg ab Herbst zur neuen Spielzeit wieder zugänglich.

Das Besondere am Konzept von „Palimpsest“ ist, dass man sich auch physisch an dem Ort der Choreographie befinden muss, um das Audio abzuspielen. Das begrenzt die Zuhörer einerseits, da nicht jeder darauf zugreifen kann. Andererseits kann man durch die eigene Präsenz am Ort des Geschehens die erzählten Handlungen viel mehr visualisieren. Insgesamt bietet „Palimpsest“ eine eindrucksvolle Hörerfahrung, die sich lohnt beim nächsten Theaterbesuch in Freiburg auszuprobieren.

Die Choreographin Nicole Seiler zu ihrem Projekt "Palimpsest":