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Peter Lehel - der Vollblut-Jazzer

„Ich kenne sowas wie Nervosität, Aufregung oder Unsicherheit überhaupt nicht."

© Milena Jaiser

Von Milena Jaiser am veröffentlicht.

Peter Lehel lebt für die Musik, die er ungeplant zu seinem Beruf machte. Trotz vielen Konzertreisen in die USA,nach Russland oder Taiwan kommt er gerne wieder in seine Heimatstadt Karlsruhe zurück. Im Gespräch mit Milena Jaiser erzählt er von seinem Leben als Musiker und als Pädagoge an der Hochschule für Musik in Karlsruhe.

Milena Jaiser: Wie kamen Sie darauf Musiker zu werden?

Peter Lehel: Das hat sich entwickelt. Ich bin als Achtjähriger zufällig in die Blaskapelle gekommen. Meine Großmutter meinte irgendwann: “So der Bub ist alt genug, der kann jetzt ein Instrument erlernen.“ Sie kannte zufällig den Klarinettenlehrer, deshalb wurde ich Klarinettist. Drei Jahre später hat man mir, ich war wohl nicht ganz ungeschickt, ein Saxophon in die Hand gedrückt und das war dann sofort die ganz große Liebe. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass ich gut genug sein könnte, um Berufsmusiker werden zu können. Ich habe tatsächlich erst Jura studiert, bevor ich an eine Musikhochschule ging.

Der Bub ist alt genug, der kann jetzt ein Instrument erlernen.– Peter Lehel

Sie haben später in Budapest studiert, kommt daher der Wunsch immer auf Konzertreise im Ausland zu sein?

Es ist natürlich schön, wenn man seine Heimat hat und sich da auch seinen Platz erspielt hat. Aber es reicht natürlich nicht aus, um eine künstlerische Karriere und Entwicklung voran zu treiben. Man ist immer wieder gezwungen Abenteuer einzugehen, in andere Länder zu reisen, zu schauen wie da die Musik wirkt und sich davon inspirieren lassen.

Gibt es ein Ritual, das Sie vor jedem Konzert machen?

Nein, denn Ich kenne sowas wie Nervosität, Aufregung oder Unsicherheit überhaupt nicht. Ich habe den Luxus, dass ich im Grunde immer spiele was und wie ich möchte. Ich gehe auf die Bühne und hab das Vertrauen: Ich habe schon so viel Musik geschrieben, erfunden und improvisiert, irgendetwas wird mir schon einfallen. Und das geht meistens gut. Niemand ist jeden Tag sensationell, niemand auf der Welt. Und das hilft dann auch zu akzeptieren, wenn es heute nicht so gut läuft.

Ich gehe auf die Bühne und hab das Vertrauen: ich habe schon so viel Musik geschrieben, erfunden und improvisiert, irgendwas wird mir schon einfallen.– Peter Lehel

Wie würden Sie das Gefühl beschreiben, das Sie vom Publikum zurückbekommen?

Es ist natürlich schön, wenn man es geschafft hat, möglichst direkt und schnell eine Brücke zum Publikum zu bekommen. Letztendlich spielen wir nicht nur für uns, wir spielen auch für unsere Zuhörer. Wenn vom Publikum gar nichts zurück kommt, dann ist es irgendwie unbefriedigend, das passiert leichter auf großen Bühnen. Viel lieber mag ich es, wenn die Konzertbesucher fast greifbar sind, dann spürt man die Reaktion sehr viel deutlicher. Da gibt es die besten Momente und das macht auch die Musik besser! Das Publikum kann die Musik mit beeinflussen.

Sie haben Ihr Peter Lehel Quartett, warum heißt es auch die „steady working band“?

Das ursprüngliche Lehel Quartett besteht seit über 20 Jahren. Dadurch, dass wir ständig in der gleichen Besetzung zusammenarbeiten, kann das sehr viel intensiver zusammenwachsen. Leider ist es nicht möglich, auch aus finanziellen Gründen, dass man nur mit einer Band das ganze Jahr lang spielt. Trotzdem bleibt man dadurch frisch.

Sie kommen ursprünglich aus Karlsruhe, ist die Stadt Ihre Heimat? Oder ist es vielleicht doch nicht mehr so die Heimat, weil Sie so viel unterwegs sind.

Doch! Ich lebe zwar nicht in Karlsruhe, bin aber gebürtiger Karlsruher. Ich wohne ein bisschen außerhalb auf dem Land. Das ist sehr wichtig, ein Gefühl zu haben: Ich komme nach Hause und habe meine Ruhe. Alles ist vertraut, die Familie ist da und die Natur. Ich bin natürlich hier verwurzelt und ich komme sehr gerne immer wieder zurück.

Sie unterrichten außerdem an der HfM Karlsruhe. Welchen Stellenwert hat Sie bei Ihnen?

Ich bin durch den damaligen Rektor, Wolfgang Meyer, hierhergekommen. Ich hatte nie vor eine Hochschulkarriere für mich zu planen. Doch dann sind verschiedene Projekte entstanden: Die Big Band ist natürlich ein ganz wichtiger Faktor und mittlerweile unterrichte ich auch Saxophonisten im Hauptfach Schulmusik. Das macht mir ebenfalls sehr viel Spaß, weil es immer sehr offene junge Leute sind, die man gut füttern kann mit Materialien in jeder Richtung. Die Verwurzlung in der Stadt ist natürlich auch hilfreich. Ich kann eine Jazz Kombo oder ein Klassenvorspiel ganz schnell zum Beispiel in der Hemingway Lounge organisieren.

Ich hatte nie vor eine Hochschulkarriere für mich zu planen.– Peter Lehel

Wie kommen Sie damit klar, dass es eine klassische Hochschule ist, Sie aber Jazz unterrichten?

Ich habe das immer schon so betrachtet, dass ich für die Grundversorgung an Popular Musik hier sorge. Jazz gehört da natürlich ganz stark dazu. Ich merke das auch an dem Zuspruch der Studenten, dass ein großes Interesse und auch großer Bedarf da sind.

Wie ist ihre Methode den klassischen Studenten den Jazz nahe zu bringen?

Ich habe schnell die Problematik erkannt, die zum Beispiel bei der Improvisation entstehen kann. Das ist eine psychologische Hemmschwelle. Man hat sein ganzes Leben immer Noten vor sich liegen und wenn man dann plötzlich die Freiheit hat, die Reihenfolge der Töne selbst zu bestimmen, kann das eine bedrohliche Unsicherheit sein. Ich muss dann erstmal Vertrauen und Selbstbewusstsein aufbauen. Es geht meistens ziemlich schnell, dass meine Schüler Melodien und Phrasen auch ohne Noten spielen können. Das macht man einfach viel zu selten in der klassischen Ausbildung. Nicht jede Phrase, die ein Jazzmusiker spielt, ist perfekt, das kann sie auch gar nicht sein. Man geht eben das Abenteuer ein: „Okay den Weg kenne ich jetzt gar nicht, ach ich bieg’ mal links ab, statt rechts oder geradeaus zu gehen.“

Wie schaffen Sie bei all den Tätigkeiten Ihr Zeitmanagement?

Als meine Kinder klein waren, war es tatsächlich so, dass mein Leben nur aus Musik und Familie bestand. Jetzt sind die Kinder groß und ich kann meine Zeit anders einteilen. Ich kann mir auch mal erlauben, bestimmte Dinge nicht mehr anzunehmen. Ich versuche das noch in eine sinnvollere Balance zu bekommen. Ich versuche es! Manchmal gelingt’s besser, manchmal gelingt’s schlechter. Die Welt ist bunt und man darf sie auch bunt wahrnehmen.