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Pianistin, erste weibliche Rektorin, Mensa-Köchin

Das alles ist Fany Solter- und noch viel mehr

© Charlotte Reece

Von Elisa Beck am veröffentlicht.

Als die in Brasilien geborene Fany Solter im Jahr 1961 nach Deutschland kam, lief sie erst einmal im Kreis: Wegen der fremden Sprache wusste sie anfangs nicht, was das Straßenschild „Einbahnstraße“ zu bedeuten hatte, und hielt eine Straße wegen des Schildes für besonders wichtig. Also folgte sie der Straße auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten…

Fany Solter verstand es zu kämpfen und ihre Ziele durchzusetzen. Weder durch Sprachbarrieren noch durch sonstige Widrigkeiten ließ sie sich aufhalten. Und nicht nur an der Hochschule für Musik Karlsruhe hat sie enorm viel bewegt.
Doch angefangen hat alles in Brasilien…

Fany Solter wurde in einem kleinen Dorf in Brasilien geboren, in Ilhéus. In ihrer Kindheit bekamen Solter und ihr Bruder von ihren Eltern die Wahl zwischen Klavier- oder Geigenunterricht. Ihr Bruder sagte Geige, und so entschied Solter sich für das Klavier.
Als Solter neun Jahre alt war, besuchte eine Pianistin aus Rio de Janeiro ihr Dorf. Solter spielte ihr vor - die Reaktion der Pianistin war: „Du musst nach Rio und Klavierunterricht bekommen!“ So zog Solters Familie mit ihr nach Rio.

Bereits im Alter von 15 Jahren hatte Fany Solter ihren Abschluss in der Tasche und lernte den Pianisten Carl Seemann kennen. Sie spielte ihm vor, und das war wie sie selbst sagt ihre „Schicksalsstunde“, die sie im Alter von 17 Jahren weit weg von Brasilien nach Deutschland führen sollte, wo sie bis heute zu Hause ist.

Meine jüdische Großmutter hat nie erfahren, dass ich in Deutschland studiere. Für sie hieß es, die Fany ist nach Paris gegangen.– Fany Solter

Fany Solters Eltern waren russische Juden. Die Familie war aus Westeuropa geflohen. Für Solters Großmutter wäre es vermutlich eine Katastrophe gewesen, wenn sie erfahren hätte, dass ihre Enkelin ausgerechnet in Deutschland studiert.
Doch Fany Solter liebt Deutschland. Hier wurde sie erfolgreich, und vor allem durch Carl Seemann hatte sie auch nach ihrem Abschluss an der Musikhochschule in Freiburg die Möglichkeit, nach einer kurzen Zeit in Brasilien wieder nach Deutschland zu kommen und dort auch zu bleiben.

Solter wurde Seemanns Assistentin und Dozentin in Freiburg und später Klavierprofessorin in Karlsruhe.
Für sie eine weitere Fügung des Schicksals: Kurz vor der Vorstellung für die Professur verletzte sie sich ihren Arm beim Gassi gehen mit ihrem Hund. Fast hätte sie nicht spielen können, doch zufälligerweise wurde der Termin um ein paar Monate verschoben. So konnte sie am Ende doch spielen.

Ich glaube ich war ein ziemlich unbequemes Senatsmitglied. Ich hatte immer was zu sagen und immer was zu korrigieren.– Fany Solter

Kaum war Fany Solter an der Hochschule für Musik Karlsruhe, wurde sie auch schon Senatsmitglied - damals gab es an der Hochschule nämlich nur neun Professoren.
Rektor Eugen Werner Velte war von Anfang an fasziniert von Fany Solter, und auch Solter beschreibt ihn als eine „ganz besondere Persönlichkeit“. So war es kein Wunder, dass nach Veltes Tod Fany Solter die nächste Rektorin wurde.

 

Ich bin Solo-Pianistin. Aber ich war nicht Solo-Rektorin.– Fany Solter

1984: Fany Solter wurde zur ersten weiblichen Rektorin an einer deutschen Hochschule. Dazu war sie relativ jung für diesen Job. Dass sie außerdem Ausländerin war, passte damals auch nicht allen. Doch Solter ließ sich von nichts beeindrucken.
Durch sie ist die Hochschule zu dem geworden, was sie heute ist: Solter schaffte es, die verschiedenen Standorte der Hochschule auf einem Campus zu vereinen.
Dazu zählt nicht nur das Renaissance-Schloss Gottesaue, sondern sie schuf auch den Studiengang Musikjournalismus und organisierte eine Frequenz für ihre Studenten, damit diese gleich selbst ein echtes Radio betreiben konnten.

Das Bundesverdienstkreuz war ein Highlight, aber der Veltepreis ist der Schönste. Weil das ist meine Hochschule.– Fany Solter

Für ihre zahlreichen Verdienste im Namen der Hochschule bekam Fany Solter 2017 den Velte-Preis verliehen. Zu diesem Anlass gab es eine bunt gestaltete Preisverleihung, unter anderem wurde eine Komposition von Werner Genuit über die brasilianische Nationalhymne aufgeführt und auch Klavierschüler Solters spielten. Außerdem hielten zahlreiche Freunde und Kollegen Solters bewegende, aber auch humorvolle Reden.

Keine Mensa? Da nahm sie den Kochlöffel selbst in die Hand

Den anderen zuschauen, wie sie Dinge taten, die Fany Solter nicht passten? Das wollte Solter auf keinen Fall.
Doch auch als Rektorin lief natürlich nicht immer alles, wie sie es sich vorstellte. Zum Beispiel wollte das Studentenwerk der Musikhochschule keine eigene Essensausgabe einrichten.
Fany Solter wollte ihre Schützlinge jedoch gut ernähren, und so kochte sie kurzerhand selbst für ihre Studenten - so lange, bis sich das Studentenwerk erweichen ließ und doch eine Mensa einrichtete.

Ich habe eine Wohnung gemietet im Pfälzer Wald. Und ich habe gedacht, da kann ich ja jedes Wochenende hin. Pustekuchen.– Fany Solter

Fany Solter beschreibt ihren aktuellen Zustand als „Unruhestand“. Noch immer hat sie Studenten, und noch immer sitzt sie im Beirat des derzeitigen Rektors Hartmut Höll.
Eine Frau, die nie aufhört.