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Titanenköpfe und Transkulturalität

Interview mit Prof. Nanny Drechsler, Gleichstellungsbeauftragte

© Laura Schiffler

Von Laura Schiffler am veröffentlicht.

Nanny Drechsler ist seit 1992 Professorin für Musiktheorie und Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Karlsruhe und beschäftigt sich dabei mit feministischer Musikforschung. Zusätzlich ist sie Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule. Im Herbst 2019 bekommt sie den Eugen-Werner-Velte-Preis verliehen.

Ein Gespräch über Feminismus, Gleichwertigkeit und die Magie der Musik.

Laura Schiffler: Studiert haben Sie in Freiburg. Wie sind Sie von dort an die Hochschule für Musik in Karlsruhe gekommen?

Nanny Drechsler: Ich bin aufgewachsen zwischen Göttingen und Hannover, was natürlich auch eine Prägung war. Aber ich hatte immer eine große Liebe zum Süden. Das schöne Wetter hier. Und natürlich auch die ganze Umgebung und die Kultur, die einmalig ist. An jeder Ecke fährt man auf etwas Schönes zu. Ich habe eine künstlerische Ausbildung in Freiburg gemacht, aber das Wissenschaftliche war mir immer gleichwertig wichtig. Und so gab es viele Wege, die mich hierherlockten. Bis heute bin ich eigentlich sehr glücklich hier und muss sagen: Das, was ich mir mal angedacht habe, hat sich in Vielem verwirklicht.

Eine sehr vielfältige Aufgabe, aber auch eine sehr sensible Aufgabe.– Nanny Drechsler über ihre Arbeit

Sie sind ja auch Gleichstellungsbeauftragte. Wie genau kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Vielleicht ein bisschen historisch: Es war mal das Amt der Frauenbeauftragten. Und dann hieß es immer: „Oh Gott, mach das nicht, du verdirbst dir die Karriere!“ Auch Feminismus war da immer so ein Begriff. Ich habe mich aber schon als junge Frau immer als Musikerin und Feministin gesehen. Und der Gedanke der Freiheit für beide Geschlechter ist ein ganz wichtiger Gedanke in meinem Leben. Sozusagen ein Leitmotiv, das sich immer durchzieht. Des Weiteren ist da natürlich die Betreuung von Studierenden, wo es Probleme gibt, die sich an mich wenden können und die ich, so gut ich kann, berate. Ich versuche zu helfen, ich versuche Dinge, die sich sehr zum Negativen entwickelt haben, zu klären. Also eine sehr vielfältige Aufgabe, aber auch eine sehr sensible Aufgabe.

Was gibt Ihnen diese Arbeit?

Also ein wichtiger Punkt meines Lebens ist, dass ich die weibliche Kreativität sichtbar machen möchte. Und da sind mir, denke ich, sehr gute Sachen gelungen. Da habe ich vielfältig die Historie und die Moderne gezeigt. Viele Fragen zu stellen, Horizonte zu erweitern ­­- das finde ich sehr wichtig. Und ich finde es wichtig, dass wir als Vertreter der klassischen Musik nicht immer im Kanon des 19. Jahrhunderts stecken bleiben. Wenn Sie die Opernhäuser betreten, sehen Sie da die großen Titanenköpfe von Wagner und von Beethoven und so weiter - also sozusagen die Heroengeschichte des kulturellen Lebens. Ich führe jetzt keinen Kampf, aber ich fühle ein Bedürfnis in mir dieser Heroengeschichte eine andere Musikgeschichte entgegenzusetzten. Und das ist noch nicht fertig, aber wenn ich mal mehr Zeit habe, wird es dazu auch ein grundlegendes Buch geben.

Was denken Sie denn muss heutzutage generell geändert werden, damit die Frau in der Welt genau die gleiche Stellung hat wie der Mann? Ist das überhaupt möglich?

Da haben Sie jetzt einen Riesenkatalog aufgemacht. Ich versuche darauf zu antworten.

Gleichwertigkeit der Geschlechter ist mir wichtig, aber nicht unbedingt Gleichartigkeit. Ganz wichtig ist, dass wir auch den Blick in andere Kulturen werfen, ohne gleich zu sagen: „So musst du, so musst du nicht.“ Also die Transkulturalität ist wichtig. Ein Schlüsselpunkt ist dabei die Frage: Wie vermitteln wir jungen Mädchen in Europa und natürlich auch in anderen Ländern diese Idee der Freiheit? Aber auch diese Idee des nicht einfach gleich sein wollen, sondern eine Gleichartigkeit zu finden, die beide Geschlechterkonzepte unterstützt und fördert.

Gleichwertigkeit der Geschlechter ist mir wichtig, aber nicht unbedingt Gleichartigkeit.– Nanny Drechsler

Das heißt zusammenfassend, Frauen dürfen ihr Ding machen, sollten nicht unbedingt das Gleiche machen wie Männer, aber eben gleich behandelt werden. Kann man das so sagen?

Ja, das haben Sie wunderbar formuliert, also die Idee der Gleichwertigkeit ist da, aber die Idee durchaus verschiedener Konzepte bis zur Transsexualität beispielsweise oder bis zur Frage: „Bin ich eigentlich Mann oder Frau?“ Oder warum muss ich mich da immer so entscheiden, in der Weise, dass ich sage: „So jetzt zieh ich ein Röcklein an und bin die kleine, brave Nanny.“ Das bin ich nie gewesen und das werde ich auch nicht mehr.

Im Herbst bekommen Sie den Eugen-Werner-Velte-Preis verliehen, das ist ein Preis für besondere Arbeit im künstlerischen, pädagogischen oder auch organisatorischen Bereich an der Hochschule. Wie fühlt sich das an diesen Preis jetzt zu bekommen nach diesen vielen Jahren der Arbeit an der Hochschule?

Es ist ein wunderschönes Gefühl. Es ist auch eine große Ehre. Ich habe Eugen-Werner Velte auch noch persönlich kennengelernt und ich habe ihn unglaublich bewundert. Da hat jemand etwas verkörpert, das weiterwirkt. Auch wenn jemand nicht mehr da ist: Die Gedanken, die Ideen - die sind weiter im Raum. Und das war bei ihm diese Freiheit und Offenheit. Und in dieser Freiheit und Offenheit war auch eine Kompositionsklasse bei ihm, in der es so unterschiedliche Menschen gab, wie Wolfgang Rihm, Joachim Krebs, der leider schon verstorben ist, aber auch wie Ursula Euteneuer-Rohrer, auch eine Komponistin, die dann ihren Weg gegangen ist über das Schlagzeug und über ein interessantes Konzept von Musikvermittlung. In dieser Linie sehe ich mich sehr gerne und bin Eugen-Werner Velte gern sehr nah.

Ich liebe Musik nicht nur als Form, sondern als Weitung dessen, was Menschsein heißt.– Nanny Drechsler

Dann noch eine abschließende Frage: Warum können Sie nicht ohne Musik leben?

Music was my first love and will be my last.
Ich bin nicht mit Musik aufgewachsen. Ich komme nicht aus einem musikalischen Elternhaus, aber aus einem künstlerischen. Den ersten Unterricht hatte ich bei meinem Großonkel und plötzlich stand da in der Stube das Klavier - für mich gekauft. Mit weißen und schwarzen Tasten. Das war ein magischer Moment. Ich werde das nie vergessen. Ich habe das angefasst und habe gedacht: „Wie wunderbar! Welch ein Zauber wohnt dem eigentlich inne.“ Und ich will jetzt nicht übertreiben und mystifizieren, aber dass das Klavier sozusagen meine Liebe sein würde - eine Liebe, die sich weiterentwickelte - das habe ich damals gespürt. So hatte das Musikmachen auch etwas Geheimnisvolles. Das war so mein Ding. Dieses Gespür, das ist so eine Art Grundrauschen und das hat mich eigentlich nie verlassen. Ich liebe Musik nicht nur als Form, sondern als Weitung dessen, was Menschsein heißt.

Mehr Infos über Nanny Drechsler können Sie auf der Homepage der Musikhochschule Karlsruhe nachlesen.