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„Und wenn doch etwas passiert, dann spricht man nicht drüber.“

Geschichten aus dem Arbeitstag von S-Bahnfahrer Taner

© Benedikt Wiehle

Von Benedikt Wiehle am veröffentlicht.

Die Hand hebt sich kurz zum Gruß, die Augen huschen aber sofort zurück auf die Gleise. Wer die Macht über mehrere 100 Tonnen hat, muss wachsam sein. Zu jeder Sekunde, an jedem Tag. Auch an diesem grauen Montagvormittag. Als plötzlich ein Mann vor ihm auf den Gleisen lag, konnte S-Bahnfahrer Taner noch reagieren. 

Auch in Karlsruhe ist es bereits passiert, dass sich Personen absichtlich auf die Gleise legen. Kollegen mussten das schon erleben, Taner in seiner S-Bahn-Kariere noch nicht. Er ist Anfang 30 und fährt schon ein paar Jahre. 

Es war ein älterer Mann, er ist auf den Gleisen zusammengebrochen. – S-Bahnfahrer Taner

Diese Fahrt in Richtung Europlatz wird er wohl nicht mehr so schnell vergessen. „Eine Menschentraube stand um ihn herum.“ Eine der wichtigsten Regeln im Fahrerhaus ist es, auf Sicht zu fahren. So konnte Taner noch rechtzeitig bremsen. Dafür hat der S-Bahnfahrer mehrere Möglichkeiten: Die normale Bremsung, wie bei jeder Einfahrt in eine Haltestelle. Den Beschleunigungshebel mit der linken Hand anziehen. Den könnte Taner noch weiter zurückbewegen, dann ertönt ein Klingelgeräusch. Mit der rechten Hand kann Taner eine Schienenbremse betätigen. Und im absoluten Notfall gibt es noch einen roten Knopf. Bisher ist der aber noch ungenutzt geblieben. Dann reibt das Metall der Bremsen auf dem Metall der Schienen. „Dann fliegen alle Leute im Wagon nach vorne.“ 

„In Karlsruhe gibt es relativ wenige Leute, die keine Lust mehr haben zu leben und sich auf die Gleise legen“, weiß ein Kollege von der Betriebsaufsicht. „Gott sein Dank, und da müssen wir dreimal auf Holz klopfen.“ Und wenn doch etwas passiert? „Dann spricht man nicht drüber“. 

Die Unfallforschung der Versicherer (UVD) hat in einer Statistik herausgefunden, dass es deutschlandweit in Karlsruhe am wahrscheinlichsten ist, in einen Unfall mit einer Straßenbahn verwickelt und dabei schwer verletzt oder getötet zu werden. Aber bei den wenigsten aller Unfälle, in nur etwa zehn Prozent, seien die S-Bahnfahrer Schuld. Die Karlsruher Polizei sagt: jährlich gibt es hier zwischen 100 und 150 Straßenbahnunfälle. Im Städtevergleich liegt Karlsruhe damit vor Stuttgart und vor Mannheim. In Karlsruhe fahren die Straßenbahn im Vergleich aber auch mehr Kilometer.

© Benedikt Wiehle

Taner versucht Gedanken von Unfällen oder sogar Selbstmordversuchen erst gar nicht mit ins Fahrerhaus zu nehmen. Er denkt selten darüber nach. „Sonst könnte ich nicht so befreit fahren.“ 

Das Risiko fährt immer mit. Ein Grund, dass es im S-Bahnbereich ein Nachwuchsproblem gibt? Das S-Bahn-Team ist sich einig: Auch nach mehreren Jahrzehnten sind viele Fahrer und Fahrerinnen immer noch mit Herzblut unterwegs. Die Kollegen sind nett, offen und engagiert. Es ist ein abwechslungsreicher Beruf, man ist den ganzen Tag in der Stadt unterwegs, sieht Leute. „Und wenn ich aus der Bahn aussteige habe ich einfach Feierabend und kann abschalten, dann fragt niemand mehr irgendwas“. Ein wichtiger Aspekt für Taner. Außerdem passt das Gehalt. „Es gibt einfach einen besonderen Spirit bei dem Beruf.“ Allerdings, und das ist laut dem Kollegen aus der Betriebsaufsicht wohl das größte Problem, sind die Arbeitszeiten für junge Leute nicht attraktiv. Schichtdienst, Wochenende, Feiertage. „Dann hast du eben nicht jedes Weihnachten zu Hause, man ist eben zeitlich eingeschränkt. Das ist in der heutigen Zeit glaube ich das größte Problem.“ Aber grade auch Fahrten an besonderen Tagen haben ihren Reiz. Silvester zum Beispiel. „Die Touren sind ganz toll, nur gut gelaunte Leute.“ Jeder Tag, jede Uhrzeit, jede Jahreszeit ist anders. Fahrer müssen sich darauf einstellen, wenn Morgens vor allem muffelige Leute auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen, und Abends Leute platt in den Feierabend oder doch noch motiviert in eine Kneipe oder einen Club unterwegs sind. „Also schon stressig, irgendwas ist immer.“ Aber Taner nimmt das gelassen. „Es ist Einstellungssache, manche regen sich über Dinge auf, die mich gar nicht bocken.“

Wieder fahren zwei S-Bahnen nur ein paar Zentimeter aneinander vorbei. Diesmal grüßt der entgegenkommende Fahrer mit einem „Peace-Zeichen“. Ein unterschwelliges Hoffen, dass die Weihnachtszeit im Karlsruher Nachverkehrsnetz dieses Jahr friedlich und ohne Zwischenfälle abläuft.