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Violinistin aus Leidenschaft

Yoerae Kim im Interview über das Leben und die Arbeit einer Orchestermusikerin

© Tibor Schrag

Von Bennet Leitritz am veröffentlicht.

Als Musikerin ist Yoerae Kim auf der ganzen Welt zu Hause. Nun steht für die in Kanada geborene Koreanerin, die 2020 mit dem Karlsruher Hochschulpreis ausgezeichnet wurde, ein weiterer Umzug an: Es geht nach Ludwigshafen. Dort wartet ein Engagement als 2. Konzertmeisterin auf sie. Bennet hat mit ihr über ihr Leben und ihre Arbeit gesprochen.

Man kann sich als Orchestermitglied präsentieren und bekommt mit, wie das Publikum reagiert. Darauf freue ich mich.– Yoerae Kim

Bennet: Ist man als Violinistin eher Einzelkämpferin oder Teamplayerin?

Yoerae Kim: Eigentlich Teamplayerin. Es gibt zwar viele Solostücke für die Geige und sie spielt meist die Melodie, doch oft wird die Musik erst durch die Unterstützung weiterer Instrumente vollständig. Daher ist die Violine für mich vor allem ein Ensemble-Instrument.

In der Vergangenheit waren Sie für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und das Staatsorchester Kassel tätig. Nun steht ein Engagement als 2. Konzertmeisterin bei der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz an. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Dass ich eine feste Stelle habe – und das bei einem so tollen Orchester und in dieser schwierigen Zeit! In Kassel konnte ich am Staatstheater Erfahrungen im Opernbereich sammeln, in Bayern im Konzertrepertoire. In Ludwigshafen ist es wieder ein Sinfonieorchester, wo man als Musiker auf der Bühne anstatt im Orchestergraben spielt. Das ermöglicht einen direkteren Kontakt. Man kann sich als Orchestermitglied präsentieren und bekommt mit, wie das Publikum reagiert. Darauf freue ich mich.

© Steffen Galster

War es ein kompetitiver Prozess an diese Stelle zu kommen?

Ja, es fängt schon mit der Bewerbung an. Ich habe gehört, dass es während der Coronazeit teilweise 100 bis 200 Bewerber auf eine Stelle gab. Davon werden normalerweis nur 25-30 Leute zum Vorspiel eingeladen. Man kann eigentlich nichts machen außer warten und hoffen, dass man dafür ausgewählt wird. Nach dieser ersten Hürde muss man drei Runden vorspielen. Das ist natürlich ein Wettbewerb.

Haben Sie bei Bewerbungen auch schon Rückschläge erlebt?

Ja, ziemlich oft. Aber damit müssen wir leben. Natürlich ist dann man enttäuscht, aber man kann daraus auch etwas lernen. Man bekommt oft Feedback von den Orchestermitgliedern, was man beim nächsten Mal besser machen kann.

Sie haben in Deutschland unter anderem schon in Mannheim, München oder Karlsruhe gelebt. Welche Stadt hat Ihnen denn am besten gefallen?

In Karlsruhe habe ich mich sehr wohl gefühlt. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich hier willkommen bin. Deswegen hätte ich mir auch gewünscht, hier eine Stelle zu bekommen, das hat leider nicht geklappt. Aber dafür in der Nähe in Ludwigshafen.

Ich glaube, ich habe fast alles bekommen, was Karlsruhe einer Studentin geben kann. – Yoerae Kim

Was ist Ihnen denn aus ihrer Zeit an der Hochschule für Musik Karlsruhe besonders in Erinnerung geblieben?

Ich habe von Karlsruhe so viel bekommen. Schon bei der Aufnahmeprüfung hatte ich das Gefühlt, dass die Lehrer wirklich an mir interessiert waren. Auch Lehrer anderer Fachgruppen, von denen ich dann auch Unterrichtet wurde. Ich habe viele Möglichkeiten bekommen, Orchester und Kammermusik zu spielen. Vorletztes Jahr durfte ich mit dem Orchester der Musikhochschule unter der Leitung von Péter Eötvös ein Violinkonzert von Alban Berg aufführen. Das war für mich ein richtiges Highlight. Dazu habe ich in Karlsruhe zwei Hochschulwettbewerbe gewonnen, einen davon mit Werken von Wolfgang Rihm. Ich glaube, ich habe fast alles bekommen, was Karlsruhe einer Studentin geben kann.

Als Sie letztes Jahr den Karlsruher Hochschulpreis gewonnen haben, konnte die Preisverleihung nicht stattfinden wegen der Pandemie. Wurde sie anders durchgeführt, oder nachgeholt?

Nein, es gab tatsächlich keine Preisverleihung, ich habe einfach eine E-Mail bekommen, in der Stand, dass ich ausgewählt wurde, und auf der Homepage stand mein Name. [lacht] Auch schön.

Keine schicke Plakette die man zuhause aufhängen könnte

Nein, so etwas habe ich tatsächlich nicht bekommen, stimmt. Ich könnte mal nachfragen.

Welche Musik hören Sie denn in ihrer Freizeit gerne, wenn es mal nicht das ist was Sie im Orchester spielen?

Ganz ehrlich: ich höre sehr viel Jazz, am ehesten leichten Cool-Jazz. Das läuft bei mir den ganzen Tag. In der Coronazeit war ich irgendwann ziemlich niedergeschlagen und musste ein bisschen Tanzen, da habe ich angefangen, Hip-Hop zu hören. Das habe ich davor nicht gemacht. Klassische Musik höre ich nicht so viel, weil ich da nicht abschalten kann, ich konzentriere mich dann gleich und fange an zu analysieren.

Das finde ich toll, dass ich vergesse dass ich arbeite, wenn ich arbeite.– Yoerae Kim

Ist nach so langer Zeit das Geigen eher Arbeit oder Leidenschaft?

Ich habe es in meiner Jugend lange eher als Arbeit wahrgenommen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr überwiegt die Leidenschaft. Das ist auch der Grund, warum ich unbedingt Orchestermusiker werden wollte, weil ich so bis 67 auf der Bühne stehen kann. Wenn ich spiele, in der Probe oder auf der Bühne bin, dann habe ich nie das Gefühl, dass ich arbeite. Das finde ich toll, dass ich vergesse dass ich arbeite, wenn ich arbeite. Und ich glaube, das Musizieren ist meine Pflicht.