Von Forró und Fernweh
Mari Froes verzaubert das Zeltival
© Winfried Reinhardt
Forró-Schnupperkurs, Capoeira-Show, brasilianische Käsetaschen: Beim Zeltival im Tollhaus wurde Karlsruhe für einen Abend zu São Paulo. Mittendrin: die 23-jährige Newcomerin Mari Froes, die mit ihrer Band zwischen zartem Bossa Nova und hartem Metal alles gab.
21.07.2026, Karlsruhe. Schon vor dem eigentlichen Konzert ist auf dem Zeltival-Gelände klar: Heute dreht sich alles um Brasilien. Im Rahmen des „Brasilien-Special" hat das Tollhaus für seine Reihe gleich mehrere Künstler*innen aus dem südamerikanischen Land eingeladen, und rund um die Konzerte gestalten lokale Initiativen ein Begleitprogramm. Um 19:30 Uhr können sich Neugierige beim Forró-Schnupperkurs von „Forró in Karlsruhe" im beliebten Paartanz versuchen, keine Vorkenntnisse nötig. Eine Viertelstunde später übernimmt eine Capoeira-Gruppe die Bühne und zeigt, wie nah Kampfkunst, Tanz und Akrobatik beieinanderliegen können. Im Publikum mischen sich portugiesische und englische Wortfetzen, es riecht nach frittierten Käsetaschen. Die Stimmung ist ausgelassen und international, lange bevor der Hauptact überhaupt die Bühne betreten hat.
I have no words, I have no words
Fast pünktlich, um 20:40 Uhr, ist es dann so weit: Mari Froes eröffnet mit „Como Ouro" und bringt dem Publikum sanft ihre Version des Bossa Nova näher. Begleitet wird sie von einer fünfköpfigen Band - zwei Schlagwerkern, E-Bass, Gitarre und einer Trompete, die im Laufe des Abends auch als Flöte zum Einsatz kommt und immer wieder mit beeindruckenden Soli auffällt. Stillstehen scheint für Froes selbst keine Option zu sein: Mit wehenden Haaren bewegt sie sich über die gesamte Bühnenbreite und wirkt dabei nie einstudiert, sondern eher, als könne sie ihre eigene Spielfreude kaum bändigen.
Wer ist Mari Froes?
© Bastimowka
Mari Froes ist eine der vielversprechendsten jungen brasilianischen Künstler*innen.
Die 2003 im brasilianischen Bundesstaat Goiás geborene Mariana Ferreira Froes zählt zur jungen Garde der Música Popular Brasileira (MPB). Dies bezeichnet das Genre, das traditionelle Klänge wie Samba und Bossa Nova mit Jazz und Rock verschmilzt. Zunächst wurde sie durch YouTube bekannt, wo ihre Coverversionen inzwischen weit über 100 Millionen Klicks sammeln. 2024 erhielt sie dann eine Einladung zu den COLORS Sessions und auch ihre Version von „Figa de Guiné" ging auf TikTok durch die Decke. Heute sehen viele in ihr eine Identifikationsfigur der Generation Z, eine Künstlerin, die ihre Bekanntheit weniger dem etablierten Musikgeschäft als vielmehr den sozialen Medien verdankt, die aber live dennoch unter Beweis stellen muss, dass mehr in ihr steckt als ein cleverer Algorithmus.
Genau das gelingt ihr an diesem Abend. Froes singt durchgehend auf brasilianischem Portugiesisch und moderiert nur ab und zu auf Englisch an – und schafft es trotzdem, dass niemand im Saal ohne Bestuhlung stillsteht. Wer den Text nicht versteht, tanzt eben zur Melodie, teils sogar in Paaren.
Zwischen neuen und alten Songs
© Jule Bär
Mari Froes Sextett
Besonders in Erinnerung bleibt ein Lied von ihrem neuen Album, das nur wenige Tage nach dem Konzert herauskommen sollte: „Rio Lua" sorgt für einen spürbaren Energieschub im Saal, noch bevor die meisten Leute die Stücke überhaupt kennen. Genauso feiert das Publikum den schon bekannten Song “Colombina”. Dazwischen gibt es Momente wie „Eu", ein Lied, das Froes eigenen Angaben zufolge schon mit 16 schrieb und das ihr sichtlich viel bedeutet, oder das schwungvolle „Coco Caramelo". Bei letzterem übertönen Bass und E-Gitarre die Sängerin kurzzeitig fast, und die Stimmung erinnert eher an ein Rockkonzert als an gepflegte MPB. Das gefällt dem Publikum auch.
Der reguläre Abschluss ist „Vaitimbora", ihr wohl bekanntester Song. Lang gespielt und mit viel Platz für die Band. Als Froes danach erklärt, eine Zugabe sei eigentlich nicht geplant, will das Publikum das nicht so recht glauben. Zum Glück kommt die Band nach anhaltendem Applaus noch einmal zurück. Sichtlich bewegt bringt Froes mehrmals nur ein „I have no words" heraus, bevor sie mit dem zarten „Petit Pays" den tatsächlichen Schlusspunkt setzt.
Eric und Tilda aus Karlsruhe schwärmen nach dem Konzert von dem ganzen Abend:
Warum Authentizität hier den Unterschied macht
© Jule Bär
Abendstimmung beim Zeltival nach dem Konzert
Mari Froes erinnert an eine brasilianische Olivia Dean: eine junge Stimme, warm, medientauglich, irgendwo zwischen Soul und Weltmusik angesiedelt. Doch dieser Vergleich greift zu kurz. Was den Abend im Tollhaus ausmacht, ist nicht die äußere Hülle, sondern die Tiefe, mit der Froes ihre eigene musikalische Herkunft erkundet. Mal mit jazzigen Improvisationen, mal mit persönlichen Texten und dann wieder mit einem Metal-Ausflug, der eigentlich nicht dazuzupassen scheint und es dennoch tut. Genau diese Unberechenbarkeit, vereint mit einer echten Verbindung zur brasilianischen Tradition, lässt nachvollziehen, warum das Zeltival ihr an diesem Abend eine ganze Bühne widmet und warum man das Gefühl hat, hier eine Künstlerin zu erleben, von der wir zweifellos noch einiges hören werden.
© Jule Bär
Alle Songs des Konzerts zum Nachhören