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Junger Kulturkanal

LÄUFT

Waves and Wires

Eine elektronisch-experimentelle Konzertnacht

© Steffen Schmid

Von Lora Ganeva am veröffentlicht.

Dieses Jahr sind die Tasteninstrumente und Oszillatoren an der Reihe– Bernd Milla

25. Juni. Halb acht. Alle stehen in den Startlöchern. Es ist ein angenehm warmer Freitagabend, als sich der Platz vor der Kulturstiftung in Stuttgart nach und nach füllt.

Die Technik ist aufnahmebereit, da das Konzert "Waves and Wires" auch live übertragen wird und die Securitys sorgen dafür, dass jeder getestet an seinen Platz kommt. Ich nehme in der zweiten Reihe Platz auf den aufgestellten Plastikstühlen, nachdem ich an der Bar mit einem Getränk bedient wurde. Von meinem Sitzplatz aus, kann ich mir die Instrumente genauer ansehen, die schon bereitliegen: Synthesizer, Mischpult, Theremin; mir wird klar, wieso der Abend „eine elektronisch-experimentelle Konzertnacht“ ist. Bernd Milla, der Organisator der Konzertnacht und deren Konzept, will durch die analoge und digitale Tonerzeugung eine neue Sicht auf die Tasteninstrumente bieten:

Dieser Audio-Beitrag enthält Gema-Material und musste aus diesem Grund 7 Tage nach Veröffentlichung depubliziert werden.

Es ist eine ganz andere Atmosphäre, in der der Kulturbegriff diesen Abend eingebettet ist: Der Dresscode ist leger, die Stimmung ausgelassen und jeder nippt an seinem kühlen Bier. Nach einer enthusiastischen Anmoderation von Bernd Milla kommt auch schon der erste Act: Verena Marisa am Theremin. Die deutsch-brasilianische Künstlerin hat drei Kompositionen vorbereitet, darunter auch Improvisation. Ohne das Instrument zu berühren, nur anhand verschiedener Bewegungen und deren Schnelligkeit erzeugt sie Töne mit dem Theremin, die von ganz sanften, meditativen Tönen bis hin zu schnellen, fast stimmhaften Lauten reichen.

Dieser Audio-Beitrag enthält Gema-Material und musste aus diesem Grund 7 Tage nach Veröffentlichung depubliziert werden.

Das Programm ist so vielfältig wie die Nationalitäten der Künstler: Berlin, Barcelona, London, Tokio; es sind mehrere Länder vertreten, weshalb auch einige Auftritte live übertragen werden. Für das hybride Konzertformat ist auf der anderen Seite des Platzes eine Leinwand aufgebaut und Stühle mit dem Rücken zur Bühne, wo die anfänglichen Acts stattgefunden haben. Der Platz ist also zweigeteilt: die eine Hälfte mit Blick zum Gebäude und davor die aufgebauten Instrumente für die Künstler*innen, die live auftreten und auf der anderen Seite für die, die sich live dazu schalten. Bernd Milla hat sich bei der Auswahl der Künstler*innen vor allem an der Bandbreite orientiert:

Dieser Audio-Beitrag enthält Gema-Material und musste aus diesem Grund 7 Tage nach Veröffentlichung depubliziert werden.

© Steffen Schmid

Aufteilung vom Platz vor der Kulturstiftung

Für den Auftritt von Lukas de Rungs aus London wechseln wir die Seite. Pünktlich erscheint auf der Leinwand ein junger Mann am Klavier mit Mischpult obendrauf. Lukas de Rungs ist Pianist und Komponist und lebt aktuell in London. 2016 gewann er zwei erste Preise bei Jazz-Klavierwettbewerben und wurde 2019 vom DAAD, Nicky Hopkins Award und von der Kunststiftung BaWü jeweils mit einem Stipendium ausgezeichnet. Er schafft es klassische Elemente der Musik mit Jazz und Sounds vom Mischpult zu verbinden. Zwanzig Minuten lang ist es still im Publikum und jeder lauscht gespannt dem Künstler, der nach ein paar schüchternen Worten sein letztes Stück vorstellt. Er schaut in die Kamera und lacht: „Ich weiß nicht mal ob etwas ankommt, aber wünsche euch viel Spaß“. Es kommt etwas an und wie. Seinem letzten Stück folgt lauter Applaus und Pfiffe. Zu schade, dass er es nicht hört.

Ein Modul-Synthesizer sind hörbare elektrische Schwingungen– Tim Roller

Die nächsten Acts im Programm überzeugen mich durch ihre Abwechslung: Hammond-Orgel, klassisches Piano und Modul-Synthesizer. Die Instrumente könnten unterschiedlicher nicht sein, aber sie alle experimentieren mit elektronischen Sounds. Timm Roller, der für seinen Auftritt Sounds am Modul-Synthesizer produziert, beschreibt in einem kurzen Interview das Instrument mit den folgenden drei Worten: „hörbare elektrische Schwingungen“.

© Steffen Schmid

Simona Miranda Melzer

Um 23 Uhr überrascht mich die Künstlerin mit Gesang: Simona Miranda Melzer kommt aus Mannheim und ist die erste Künstlerin dieses Abends, die experimentelle- elektronische Musik auch mit Gesang mischt. Durch das Loop-Pedal, dass von ihr gesungene Passagen aufnimmt und wiederholt und Sounds, die sie mit dem Mischpult produziert, bekommt die elektronisch-experimentelle Konzertnacht ein wenig mehr Melodik. Ihre zarte, aber zugleich auch ausdrucksstarke Stimme, ergänzt durch den elektronischen Klangteppich schaffen es das Publikum bei den Emotionen zu packen. Simona Miranda Melzer macht elektronsich-experimentelle Musik sehr greifbar und nah.

© Steffen Schmid

Anna Illenberger

Die Künstlerin Anna Illenberger, die nur ein paar Acts danach auftritt, fällt ebenfalls durch ihren Gesang auf. Unter dem Künstlernamen KITZ ist sie als Sängerin, Soundkünstlerin und Performerin aktiv. In ihrem Auftritt verbindet sie alle drei Eigenschaften. Bekannt ist sie auch als das Elektro-Indipop Duo Annagemina, transformiert aber unter ihrem Künstlernamen KITZ ihre Stimme zu einem eigenen Instrument. Verfremdete Effekte, elektronische Beats und eigene Samples mischt sie mit ihrem Gesang und zeigt: elektronisch- experimentelle Musik hat viele Gesichter.

Waves and Wires ist ein Konzept, dessen Hauptact die Konzertnacht ist. Laura Sommerfeld, die Projektassistenz erzählt mir von den anderen Events, die in dem Programm vorgesehen sind: 

Dieser Audio-Beitrag enthält Gema-Material und musste aus diesem Grund 7 Tage nach Veröffentlichung depubliziert werden.

© Steffen Schmid

Publikum mit Kopfhörern, Junya Oikawa aus Tokio

Der Abend rauscht an mir vorbei. Von klassischen Instrumenten über Synthesizer bis hin zu Gesang ist alles vertreten. Das Programm zeigt, wie vielfältig und unterschiedlich elektronisch-experimentelle Musik sein kann. Für die letzten Auftritte bekommt das Publikum Kopfhörer ausgeteilt, damit es zu keinem Konflikt mit den Nachbarn kommt, schließlich ist es schon nach zwölf Uhr. Was mich zuerst skeptisch stimmt, dass das Gemeinschaftsgefühl durch die Kopfhörer eingeschränkt wird, überzeugt mich mit dem guten Sound und der Nähe, die dadurch zur Musik entsteht und man die Künstler noch bewusster wahrnimmt. Der letzte Akt, Junya Oikawa aus Tokio neigt sich dem Ende zu und alle helfen danach aufräumen, wie gute alte Bekannte, verbunden durch dasselbe schöne Erlebnis.