JKK

Junger Kulturkanal

LÄUFT

Frühstücksmusik

"Weniger Hochmut täte uns allen gut"

Johannes Drescher im Interview

© KP-H

Von Lora Ganeva am veröffentlicht.

Johannes Drescher kommt aus dem Bereich der Komposition, macht unter anderem auch Filmmusik und gibt öffentliche Orgelimprovisations Konzerte. 

Vor ein paar Monaten bekamen wir die Aufgabe: Bis zum Ende des Semesters sollt ihr ein Interview führen, die Person soll möglichst interessant sein. Für mich war das eine große Herausforderung, denn in meinem Umfeld befand sich niemand, der dafür in Frage kommen könnte. Während ich an einem Abend nichtsahnend am Staatstheater saß und meinem Komillitonen dieses Dillema schilderte, kamen wir plötzlich mit einem Mann ins Gespräch. Erst später stellte sich heraus, dass dieser Mann nicht nur musikalisch begeistert war, sondern selber komponierte und Improvisationen an der Orgel gab. Das ließ ich mir also nicht zwei Mal sagen und kurz darauf, quatschten Johannes Drescher und ich im Interview über seine musikalische Entwicklung, aber auch noch über vieles mehr.

© Johannes Drescher

Um dieses mehrdimensionale Hören zu ermöglichen, greift Drescher auf bestimmte Notationstechniken zurück. Unter anderem inspiriert er sich an der new complexity, einer Stilrichtung aus den 70ern, aber auch an mittelalterliche Ligatur-Handschriften. Für ihn ist es wichtig, den Klang, den er innerlich hört, so detailliert und exakt zu notieren, wie es sein klangliches und visuelles Vorstellungsvermögen erlaubt. Was auf dem ersten Blick vielleicht komplex scheint, zeigt: Musik ist mehr, als nur Noten.

Nicht nur beim Notieren ist Johannes Drescher mutig, auch im jungen Alter wagt er, etwas Neues auszuprobieren. Was als Ernte Dank Messe began, entwickelte sich zu wilden Improvisationen, doch die Resonanz war gemischt. 

Wer an der Orgel sitzt, ist gleichzeitig Dirigent, aber auch Orchester. Die Kunst dabei ist es, auf mehreren Ebenen gleichzeitig aktiv zu sein. – Johannes Drescher

Was die Improvisation für Drescher so reizvoll macht ist klar: Die Orgel. Für ihn ist diese ein gigantisches Orchester. Wichtig ist auch, wie sich das Instrument anfühlt und Drescher behauptet, er spürt innerhalb weniger Minuten, ob das Instrument mit Liebe gebaut wurde oder nicht und das wiederum wirkt sich auch auf den Klang aus. 

Wer an der Orgel sitzt, besitzt auch gleichzeititg Macht, doch nicht jeder kann damit umgehen. Die Kunst ist es, auf mehreren Ebenen gleichzeitig aktiv zu sein. 

Bei Dreschers Improvisationen hat er eine besondere Vorgehensweise. Meistens bestehen sie aus zwei Teilen, wobei der erste Teil noch möglichst „traditionell“ sein soll. Dafür sucht er sich einen Kirchenchoral aus und darüber improvisiert er dann verschiedene Choralvariationen mit einer starken Anlehnung an den deutschen Barockstil. Der zweite Teil ist meist im Sypphonischen Stil.

Sobald wir hier und dort etwas theoretisch erfassen wollen, kommen wir schnell an die Grenzen.– Johannes Drescher

Für Johannes Drescher ist die Musik, oder viel mehr der Klang, eine übergeordnete Schwingung, wie eine geheime Sprache. Eine Sprache mit all ihren Geheimnissen und Facetten. Schwierig wird es dann, wenn alles erklärt und erfasst werden muss.

 

© Johannes Drescher

Nicht nur in der Erfassung der Musik, durch Theorie und Noten sieht Johannes Drescher seine Schwierigkeiten, er teilt mir auch seine Bedenken für die Filmmusikindustrie mit.

Im Laufe des Interviews verändert sich mein eigenes Verständnis von Klang und Musik, denn was Johannes mir versucht zu erklären und worauf er besonderen Wert legt, ist die Dreimensionalität der Musik. Die Musik nicht nur als Noten wahrzunehmen, sondern auch in Strukturen, Farben und bewegenden Bildern. Bei der Filmmusik Industrie ist das für ihn nur bedingt vorhanden.

Auf meine Frage, was er sich denn für die Lehre der Musik wünscht, ist seine Antwort ganz klar:

„Weniger Hochmut und weniger Ignoranz. Das täte uns allen ganz gut“.