JKK

Junger Kulturkanal

LÄUFT

Wenn der Stern erlischt

Ein Künstlerkollektiv inszeniert den Verfall von Stuttgart

© Tristan Reiling

Von Tristan Reiling am veröffentlicht.

Stuttgart – Seattle - Detroit

„Stuttgart ist das neue Seattle“ hat der Musikexpress 2015 getitelt. Und zwar deshalb, weil man die damals aktive Musikszene der Stadt mit den musikalischen Entwicklungen Anfang der 90er Jahre in Seattle verglichen hat.

Heute, vier Jahre später, wird Stuttgart schon wieder mit einer amerikanischen Großstadt verglichen. Das Citizen. KANE. Kollektiv., eine Stuttgarter Künstlergruppe, beschäftigt sich derzeit mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen in der Landeshauptstadt und zieht dabei eine Parallele zu Detroit - eine Stadt, die durch die drei großen Autofirmen General Motors, Ford und Chrysler reich geworden und durch deren Untergang wieder verarmt ist. „Und die Frage oder die Dystopie, die wir aufgebaut haben ist: Was passiert, wenn in Stuttgart eben genau dasselbe passiert und die Autoindustrie den Anschluss verliert?“, erklärt Christian Müller vom Kollektiv.

Ein fiktives Szenario, dessen mögliche Folgen die Künstlergruppe in verschiedenen Räumen eines bislang leerstehenden Hauses inszeniert.

Die Frage, ob diese Dystopie tatsächlich Realität werden könnte, spielt für die Künstler keine Rolle – trotzdem haben sie sich für Ihr Projekt mit verschiedenen Experten getroffen.

„Die Leute mit denen wir gesprochen haben, sei es aus der Wirtschaft oder der Forschung, haben schon gesagt, sollte wirklich eine der großen Autofirmen pleite gehen, hängen da so viele andere Firmen dran, dass es schon zu so einer Art Zerfall kommen würde“, sagt Müller.

Tatsächlich ist der potenzielle Niedergang der Automobilindustrie längst auch Gegenstand der Diskussion in Politik und Wirtschaft. Die Deutschlandfunk-Korrespondentin Uschi Götz hat genau zu diesem Szenario recherchiert und dafür unter anderem Stefan Bratzel getroffen, er ist Professor für Automobilwirtschaft in Bergisch-Gladbach und meint: „Man muss ganz klar sagen, die Automobilindustrie – und Stuttgart ist da das beste Beispiel mit Daimler – steht mitten im Kampf der Welten, wie ich es bezeichnen würde: zwischen der herkömmlichen Automobilwelt mit den etablierten Playern, wie Daimler und Porsche auf der einen Seite.“

Und auf der anderen: „Die Googles, Apples oder etwa die Ubers und andere, die Mobilität künftig auch anbieten wollen. Und die Frage ist, wer diesen Kampf gewinnt. Und dieser Kampf findet vor dem Hintergrund enormer technologischer Veränderungen statt, die enorme Arbeitsplatzauswirkungen haben.“

Jeder fünfte Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hängt direkt mit dem Autobau zusammen. Wenn die schwäbischen Automobilfirmen Daimler und Porsche tatsächlich den Anschluss verpassen sollten, dann trifft das auch Zulieferfirmen, Dienstleister oder sogar Werbeagenturen, die für das Image dieser Firmen engagiert werden. Könnte aus der dampfenden Kesselstadt also tatsächlich eine sogenannte „shrinking city“, eine schrumpfende Stadt werden?

Wir haben uns in Stuttgart mal umgehört und Bürgerinnen und Bürger gefragt, wie sie die die Lage und Abhängigkeit Ihrer Stadt von der Autoindustrie wahrnehmen.

Es gibt die Verantwortung in dieser Region eben nicht nur ausschließlich vom Automobil abhängig zu sein. Es gibt die Verantwortung, neue Technologien, neue Wirtschaftszweige attraktiv nach Baden-Württemberg zu holen.– Wilfried Porth, Personalvorstand Daimler AG

Die zentralen Themen in der Autoindustrie sind momentan die Forschung im Bereich Autonomes Fahren sowie die Entwicklung von Alternativen zum Verbrennungsmotor – allen voran: Elektromobilität. Sollten sich E-Autos in Deutschland tatsächlich durchsetzen, bedeutet das für die Industrie: weniger Jobs. Denn für E-Motoren sind deutlich weniger Produktionsschritte und damit ArbeitnehmerInnen nötig, als bislang für die Verbrennungsmotoren. Zulieferfirmen, die Teile für Verbrennungsmotoren herstellen, würden schlichtweg nicht mehr gebraucht werden. Uschi Götz vom Deutschlandfunk hat darüber auch mit dem Personalvorstand der Daimler AG, Wilfried Porth, gesprochen. Er sieht mit Blick auf die Region Stuttgart auch die Politik in der Pflicht: „Es gibt die Verantwortung in dieser Region eben nicht nur ausschließlich vom Automobil abhängig zu sein. Es gibt die Verantwortung, neue Technologien, neue Wirtschaftszweige attraktiv nach Baden-Württemberg zu holen“.

 

Angesichts dieser Aussagen, dieser Debatte und auch der Angst zahlreicher Angestellten in der Auto-Branche wirkt die dystopische Kunst des Citizen. KANE. Kollektivs nicht nur wie ein längst überfälliges, sondern mehr noch wie ein erschreckend greifbares Gedankenspiel.

 

Weiterführende Links:

Citizen.KANE.Kollektiv

Die Stille der Stadt

Deutschlandfunk: Daimler zwischen Dieselskandal und künftiger Mobilität

SWR Marktcheck: Warum sich deutsche Autobauer zusammentun