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Wieviel ist dein Album wert?

Valentin Hansen über sein neues Album "Crisis (the Worthless Album")

© Peter Kaaden

Von Alexandra Gulzarova am veröffentlicht.

Valentin Hansen ist ein Multitalent, Musiker und Visual Artist. Er arbeitete mit renommierten Künstler:innen wie Mavi Phoenix, RIN oder Paul Kalkbrenner. Sein neues Album „Crisis (The Worthless Album)“ hat all seine Songs auf 29 sekündige Tracks runtergebrochen. Damit verdient auf Spotify keinen einzigen Cent, denn erst ab 30 Sekunden Spielzeit wird ein Stream bezahlt. Valentin Hansens Album ist damit komplett wertlos. 

Alexandra Gulzarova: Sag mal warst du heut schon fleißig, hast du dir den Release Friday angeschaut?

Valentin Hansen: Nicht so richtig, nicht wie es sich eigentlich gehört. Ich hab nur bei Mavi Phoenix reingehört. Und sonst, ehrlich gesagt, habe ich’s mir nicht wirklich angeguckt. Ist irgendwas interessantes rausgekommen?


Ne , eigentlich nicht. Ich hab auch mittlerweile das Gefühl, dass die Release Fridays immer schwächer werden. Mein Spotify Account explodiert förmlich jeden Freitag, aber die meisten Sachen langweilen mich. 

Ich weiß auch nicht was das ist. Es kommen ja eigentlich auch coole Sachen raus, aber die sind dann nicht länger relevant als eine Woche. Das ist schon ne komische Zeit.

 

Ja, eine komische Zeit, das stimmt wohl, denke ich. Heute ist Freitag. Wie es sich gehört, schau ich auf den Release Radar, den der Spotify Algorithmus für mich ausspuckt. Neues Drake Album, ein paar deutsche Rapper und ich denk mir so: „Wieso langweilt mich das alles so dermaßen?“ Ich hab als kleines Kind die Platte „Please Please Me“ von den Beatles bestimmt jeden Tag gehört und ich konnte nicht genug davon bekommen. Jetzt sitz ich da und kann mir nicht mal 30 Sekunden von den neuen Alben reinziehen, weil mein Gehirn einfach nicht mehr mitkommt, wieso? 

© Alexandra Gulzarova

 

Valentin Hansen: Mich persönlich überlasten diese wöchentlichen Releases jetzt nicht. Ich merk auch, dass ich mir nicht alles anhöre. Sich richtig hinzusetzen und zu sagen: „Ich hör mir jetzt dieses Album komplett an.“ Das passiert schon echt selten. Und ob es dann bei interessanten Sachen auch wirklich hängen bleibt und ich mir das immer wieder anhöre, das ist nur bei einer handvoll Alben passiert. 

War das damals anders? Hast du damals intensiver Musik gehört?

Ich glaube schon. Ich hab jetzt auf Spotify eine Playlist, die ich sehr oft höre und vereinzelt Songs. Aber es ist nicht so, dass ich gezielte Alben suche oder durchhöre. Ich habe auch darüber nachgedacht, dass, vor allem für andere Artists Musik nur fürs Internet zu machen, gar nicht so geil ist. Live zu spielen wäre da schon was anderes. Da merkst du erst richtig wie das bei den Leuten ankommt und connectest mit ihnen.

 

Zu deinem Album „Crisis (The Worthless Album)“. Es ist ja schon eine Art Protestzug gegen Streaming Plattformen wie Spotify. Woher kam die Kritik? Davor hast du deine Songs doch auch auf Spotify hochgeladen. 

Wenn man nichts hinterfragt, ist das die gängigste Form Musik zu releasen. Deshalb ist es für viele naheliegend es so zu machen. Wenn die Leute deine Musik darüber hören, ist das auch ne geile Plattform. Ich hör ja auch Musik über Streaming. Aber es ist nur für Nutzer:innen gut ausgelegt, nicht für die Artists. Es gibt viele Musiker:innen, die sich aufregen, auch aus meinem nahen Umfeld, die erfolgreich sind. Aber es ist sau schwer dagegen zu protestieren. In welcher Form willst du das machen? Du bist extrem abhängig davon, dass dich Spotify supportet.

 

Meinst du das geht auf die Psyche?

Ich glaub schon sehr doll. Ich bin riesiger Internet Fan ich will das überhaupt nicht schmälern, aber ich hab schon von vielen Menschen gehört, dass sie das mitnimmt. Wenn du 2 Jahre an deiner Musik arbeitest und dann es dann höchstens für 1-2 Wochen relevant ist. Das ist schon krass. 

 

War das bei deinem Album ähnlich?

Das war bei meinem Album nicht so schlimm, weil es in dem Rahmen ja gepasst hat. Es würde mir sehr viel mehr wehtun, wenn ich 2 Jahre in das Album gesteckt hätte.Aber ne, auf meine Psyche ging das nicht. Ich glaub eben auch, dass dieses Konzeptalbum mich davor geschützt hat. Die Angst: „wo sind die ganzen Streams?“ Die hatte ich eben nicht. Und das hat mich auf jeden Fall befreit.

Wer weiß wieviel Menschen es erreicht hätte, wenn ich es nicht kaputtgemacht hätte?– Valentin Hansen

 

Für Spotify war dein Album wertlos, was bedeutet es für dich persönlich? 

Durch das besondere Konzept war es schon sehr interessant, wie die Idee sich vor die Musik gestellt hat. Es ging um andere Themen und nicht, wie erklär ich einem Menschen was das für ein Sound ist oder worüber ich singe. Es hat sich nicht so angefühlt als würde ich ein Album rausbringen, sondern eher ein Konzept. Die Musik kam dann eher durch die Hintertür. Wer weiß wieviel Menschen es erreicht hätte, wenn ich es nicht kaputtgemacht hätte?

 

Du bist schon ein Medien-Multitalent. Drehst Videos, machst Grafiken und dann auch noch einige Musik. Definierst du dich über deine Arbeit? 

Ja auf jeden Fall. Sehr. Aber das unterscheidet sich dann von Job zu Job. Es gibt Menschen, die sehr viel emotionaler sind, wenn was nicht bei der Arbeit funktioniert. Da kann ich, vor allem wenn es Videoarbeiten sind, schon besser loslassen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich auch noch meine eigene Musik hab und andere Projekte und nicht alles in eine Richtung geht. Das hebt sich dann gegenseitig auf. Nach dem Motto: Diese Arbeit, die du hast, ist jetzt nicht alles. Ich identifizier mich schon darüber, Ideen zu haben. Das ist dann natürlich mal im Job als Videograph, mal als Musiker.  Mein Ansporn war es immer, mir sehr viel selbst beizubringen, um nicht abhängig zu sein. Bevor ich jemanden frage, bringe ich’s mir lieber selbst bei. Da sind Tutorials, die es im Internet gibt, ziemlich praktisch.

 

Also lieber mit anderen arbeiten als für andere arbeiten?

Ja. Für andere arbeiten ist natürlich auch cool, aber ich muss noch lernen mehr Menschen um mich herum zu suchen, die den gleichen Stil haben wie ich. Vielleicht sich in einem Gebiet besser auskennen als ich. Dadurch dass ich irgendwo im Nichts aufgewachsen bin, gab’s keine Leute die gesagt haben: „Klar, ich kann dir das schneiden oder ne Grafik basteln.“ Da ist es einfach super praktisch wenn man keine großen Arbeitswege mehr hat. 

Wie willst du nach 12-13 Jahren, wo du in der Schule warst, wissen, wie man selbstständig wird, wenn du das nie gelernt hast?– Valentin Hansen

 

Deine Unabhängigkeit hat mit deinem Schulabbruch angefangen, bis dahin hast du für andere gearbeitet. Und zwar für die Schule.

Ja defintiv. Es war auch ein wichtiger Schritt das zu wagen. Ich hatte schon ein bisschen Angst davor. Aber ich weiß, dass Abitur nicht das ist, was ich machen will und dann irgendwas zu studieren. Und dann steckt man irgendwo drin und ist vielleicht nicht zufrieden. Ich versteh, wieso viele diesen klassischen Weg nehmen. Wie willst du nach 12-13 Jahren, wo du in der Schule warst, wissen, wie man selbstständig wird, wenn du das nie gelernt hast? Vorher hat man auch nicht gelernt sich frei zu entwickeln, das heißt, man konnte es ja gar nicht wissen. Ich war danach quasi gezwungen schnell zu schauen, wie kommt man sonst klar. Ich hatte sowieso schon Hobbys gehabt, für die man später im Beruf kein Abitur braucht. Dahingehend hatte ich schon Glück. Würde ich Chirurg werden wollen und mich nicht an die „Regeln“ halten, dann wäre es schon schwieriger. 

 

Haben dich deine Eltern bei dieser Idee unterstützt?

Auf jeden Fall. Eines Tages bin ich Nachhause gekommen und hab gesagt: „Ich hab da ne Idee. Ich mach das nicht mehr.“ Hab mich eine Stunde mit ihnen unterhalten und dann war das geklärt. Und sie haben’s sehr gut verstanden. Sie waren da aber auch sehr drin mit alternativen Schulsystemen oder überhaupt das Schulsystem zu hinterfragen. Teil der Entscheidung kam wahrscheinlich auch durch meine Eltern, wie sie mich erzogen haben und dass ich schon früh angefangen habe Systeme zu hinterfragen und zu kritisieren.

 

Das tust du bis heute noch. Denkst du, du wirst irgendwann alt und eingesessen? Vielleicht sogar konservativ?

Da sehe ich keine große Gefahr, ich hoffe einfach nur, dass man nicht so altklug wird, dass man glaubt mehr zu wissen als jüngere Menschen. Das ist oft das Unverständnis, was ältere Generationen gegenüber jüngeren zeigen. „Ja ich weiß das ja schon, bin ja ne zeitlang auf der Erde.“ Ich hoffe, dass das nicht mit mir passiert. Ich versuche schon sehr bei dem Thema nicht einzupennen. Offen zu bleiben und irgendwann zu erkennen, dass man nicht mehr die Generation ist, die Entscheidungen trifft. Ich bleib auf jeden Fall gespannt auf was für Systeme wir noch treffen werden und wie es sie aufzubrechen gilt. 

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