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"Wir wollen musikalisch eine Geschichte erzählen"

die Band "Reaching 62 F" im Porträt

© Julia Rodeland

Von Julia Rodeland am veröffentlicht.

In ihrem Debut- und Konzeptalbum "Chronicles Of A Dying Sun" von 2018 erzählt die vierköpfige Band, wie die Menschheit von der Erde flieht und sich auf den Weg zum Planeten Kepler 62f macht.

Kepler 62f ist ein extrasolarer Planet, der 2013 entdeckt wurde. Der Planet ist der Erde relativ ähnlich und könnte vielleicht organisches Leben entwickeln.

Reaching 62F ist eine Metapher, denn die Musiker sehen sich auch selbst auf der Reise. Auf der Reise einer musikalischen Weiterentwicklung, die man als Band über einen längeren Zeitraum macht. Das Ziel: ihren persönlichen Sound zu finden.

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Vier Leute, die nicht nur ihre Leidenschaft für die Musik, sondern auch für das Thema Astronomie teilen. Ben, Keven, Rupert und Chris erzählen, seit wann sie sich dafür interessieren und was sie daran besonders fasziniert.

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Das Thema Astronomie ist auch zentral für den neuesten Song von Reaching 62 F: die neue Single "Exposure" wird in diesem Frühjahr erscheinen und stellt die gesamte Laufzeit des Kepler-Teleskops dar (2009-2018). Damit bildet die neue Single die Vorgeschichte zum Konzeptalbum "Chronicles Of A Dying Sun". 

"Exposure" erzählt musikalisch von der Inbetriebnahme des Kepler-Teleskops, der Routineuntersuchung des Sternenhimmels, von den Ausfällen (u. a. der reaction wheels, die für die Ausrichtung des Teleskops und das Scharfstellen der Bilder zuständig sind), von der Erneuerung der Mission (und damit der neuen Ausrichtung des Teleskops), schließlich von der Entdeckung des Kepler-Planeten und am Ende von der Abschaltung, da dem Teleskop der Treibstoff frühzeitig ausgegangen ist.

Warum die Bandmitglieder ihre Musik besonders finden und was ihnen dabei am wichtigsten ist, haben sie im Interview erzählt: 

© Julia Rodeland


Ben (Gitarre): „Weil die Musik auf Emotionen aufbaut. Eben weil man keinen Sänger hat, spielt die Musik die größte Rolle. Bei Musik mit Sänger ist es oftmals so, dass die Musik eher im Hintergrund ist, und hier hat die Musik eine Chance, mal selber die Story zu erzählen, ohne dass man einen Sprecher oder einen Sänger hat. 

Ich möchte generell, dass die Leute was fühlen, wenn sie unsere Musik hören. Das ist eigentlich mein Hauptziel.Denn es ist immer schwierig, jemandem Kunst aufzudrücken. Meistens bilden sich die Leute ja selber eine Meinung über etwas.
Wir geben denen die Grundlage vor und die Leute können sich dann ein Bild daraus machen und ihre eigene Meinung bilden.
Aber mir geht es generell um die Emotionen bei Musik - und speziell bei unserer Musik.“

 

© Julia Rodeland


Keven (Bass): „Dass die Leute mitfühlen – dass die Emotionen, die wir beim Spielen fühlen, auch auf sie überspringen. Aber auch, dass sie den Gedanken dahinter verstehen. Es ist ja eigentlich eine sehr traurige Geschichte, die wir erzählen. Es ist für mich persönlich auch ein Weckruf an die Hörer. Und ich bin immer enorm begeistert, wenn nach einem Konzert einer der Gäste zu uns kommt und erzählt: „Da habt ihr das und das für mich ausgedrückt“ und das passt wie die Faust aufs Auge zu dem, was wir uns gedacht haben. Dann weiß ich: wir haben das, was wir machen wollen, erreicht.
Es ist herausfordernd, das tatsächlich genau auf dieses Niveau zu bringen - wo man am Ende sagt: Ich habe die Platte in der Hand und wir haben jetzt nicht nur einen Song geschrieben und etwas recorded, sondern wir haben hier wirklich was in der Hand. Das ist ein Gesamtprojekt gewesen, wo alles auf verschiedensten Ebenen perfekt ineinandergreift. Und das ist unheimlich zufriedenstellend, auch wenn du da mal zwei oder drei Jahre dran sitzt.“

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Rupert (Keyboard): „Es ist immer schön, wenn sich die Leute darauf einlassen und da irgendwas mitnehmen.
Ich hatte bevor ich zu der Band kam mit Post-Rock nicht viel zu tun, aber es hat mich von Anfang an ziemlich fasziniert, weil es eine Musik ist, die viel Interpretationsspielraum lässt, die ganz viel offen lässt. Die mich persönlich aber auch emotional sehr berührt. Es gibt Lieder, die versetzen mich in Wut - oder in irgendeinen melancholischen Zustand. Diese Musik macht was mit mir. Und das finde ich ganz spannend.“

© Julia Rodeland


Chris (Schlagzeug): „Mich freut es, wenn Personen, die gar nichts mit dieser Musikrichtung zu tun haben, sich auf die Musik einlassen. Wir hatten zum Beispiel einmal ein Konzert im Hauptbahnhof in der Halle. Ich dachte: „Okay, gut, ob das jetzt irgendjemanden interessiert – instrumentale Musik?!“
Das war in der Rush Hour. Wir haben angefangen zu spielen und dann sind die Leute stehengeblieben und haben sich im Halbkreis auf den Boden gesetzt – mitten im Karlsruher Hauptbahnhof. Das war schon eine ganz coole Sache, wie dann die Leute tatsächlich die Augen zugemacht haben und vor der Bühne saßen. Hätte ich nicht gedacht, dass wir so was auslösen können. Und dann kamen sehr viele Leute auf uns zu, dass sie sich direkt irgendwas darunter vorgestellt haben – sie hatten schon irgendwelche Bilder vor Augen. Und wir haben da überhaupt kein Setting gemacht – wir haben niemandem erzählt, um was es da geht. Die Leute sind auf uns zugekommen und haben uns im Prinzip unsere Story erzählt. Dann denken wir immer wieder: „Okay, das funktioniert besser als wir uns das ausgedacht haben.“ Das ist irgendwie so ein unterbewusster Prozess, dass wir es wohl auch bei anderen auslösen. Das war eine sehr schöne Erfahrung.“