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Junger Kulturkanal

LÄUFT

Wuchtig Wehmütige Wohnzimmerwut

Ultraschall Livestream bringt ungeahnte Gefühlswelten ans Licht

© Farbton Videos

Von Johannes Heuft am veröffentlicht.

Emotionen und Existenzen

Der Festival- und Konzertsommer stand bevor und man brannte nur so darauf, all seine überschüssigen Kräfte, die man über den Winter angesammelt hatte, loszuwerden. Dann kam Corona. Nix mit Jubel, Trubel, Heiterkeit. Kein verwundertes „Wo bin ich“-Aufwachen auf dem Campingplatz, keine heisere Stimme an Tag 1 nach mitgegröltem Rockkonzert, kein wochenlanger Muskelkater vom Pogokreis. Wo Festival- und Konzertgängern nun auf einmal gut eingeplante Zeit, Vorfreude und Lebenslust wegbricht, so bricht den Künstlern und Veranstaltern einiges mehr weg: Keine Veranstaltungen gleich kein Geld. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die pop rlp die Initiative "RETTET DIE POPKULTUR RLP"  ins Leben gerufen hat. Regelmäßig werden Konzerte Live gestreamt und man ruft zu Spenden auf. Die Spendengelder kommen so Künstlern und Veranstaltern zu Gute, die durch Corona existenzbedrohende Zeiten durchleben müssen. Außerdem gibt man mit den Livestreamkonzerten Künstlern die Möglichkeit, auftreten zu können. So auch am 20.05.20 im Café Hahn in Koblenz geschehen. Selbstredend ohne Publikum. 

Präsenz ohne Präsenz

Auf der Bühne: Die deutschlandweit tourenden Koblenzer Lokalmatadoren, die Alternative Rock/Crossover Band Ultraschall, vom Rockaue Festival bereits als „das nächste große Ding“ bezeichnet worden. Und die Jungs legen mit „Art zu sein/ Maskerade“ mit derartiger Wucht los. Die Präsenz der Vier, die Körpersprache, die Spielfreude ist beeindruckend. Man merkt überhaupt nicht, dass eben nicht 500 Leute vor der Bühne stehen, sondern niemand. Präsenz ohne Präsenz (des Publikums). So sehen Musiker aus, die sich zu 100 Prozent mit ihrer Musik identifizieren können, sie zelebrieren sie regelrecht. Dabei ist es für die Ultraschaller der erste Livestream Auftritt vor Kameras und auch wenn man es der Band nicht anmerkt, so ist die Situation ohne Interaktion doch recht skurril, erzählt Frontmann Lukas Uhlig (Gesang/Gitarre):

Dieser Audio-Beitrag enthält Gema-Material und musste aus diesem Grund 7 Tage nach Veröffentlichung depubliziert werden.

Insgesamt hat sich bei dem Projekt so ziemlich die gesamte Koblenzer Musikszene beteiligt, so Lukas Uhlig. Und das macht sich auch am Endergebnis bemerkbar: super, satter, fetter Ultraschallsound, groß aufgefahrene Lichttechnik und ein aufwendig produziertes Video mit verschiedenen Einstellungen, Zooms, Überblendungen usw. All das zusammen lässt den Zuschauer vor dem Bildschirm nicht kalt, Ultraschall reißt mit. Auch wenn die Band selbst das natürlich nicht mitkriegt.

Es war ein bisschen seltsam, weil man sich von allen Seiten so beobachtet gefühlt hat und du halt auch nicht genau weißt, wer guckt denn grad eigentlich zu.– Lukas Uhlig

Auf der Couch

In den heimischen Wohnzimmern bahnen sich ungeahnte Gefühle ihren Lauf. Der Drang nach mitgrölen, Pogo rumschubsen und völlig enthemmender positiver Wut wie zu besten Rage Against the Machine Zeiten kocht über, dieses Gefühl von Freiheit. Doch man kann dem Umfeld des trauten Eigeheims nicht entfliehen. Und so kommt es doch nicht zur völligen Endorphinentladung. Eigentum verpflichtet schließlich, das Interieur bleibt somit unversehrt. Was nach diesem Livestream bleibt ist innerer Zwiespalt: Auf der einen Seite ein Wahnsinns-Ultraschall-Konzerterlebnis inklusive Wiederentdeckung dieser Liverockkonzertgefühlswelt, der innere Ruf nach Freiheit, auf der anderen Seite ein weinendes, resigniertes Etwas, dass den ausfallenden Veranstaltungen umso wehmütiger nachtrauert.