Die eigene künstlerische Stimme finden
Julika Hing: Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mir meine Idealvorstellung im Weg steht
© Annemone Taake
Im vergangenen Jahr hat die Karlsruher Sängerin Julika Hing ihr Gesangsstudium an der Hochschule für Musik abgeschlossen. Statt auf große Opernbühnen setzt sie auf eigene, innovative Formate und gibt damit zeitgemäße Impulse. Im Interview spricht sie über den herausfordernden Übergang ins Berufsleben, den Umgang mit Ablehnung und darüber, warum Musiker*innen sich nicht von Perfektion treiben lassen sollten.
Wie fühlt sich der Übergang ins Berufsleben für dich an?
Das war spannend für mich, weil plötzlich neue Fragen aufgekommen sind. Ich habe viele Mindmaps erstellt und intensiv über meine Zukunft nachgedacht. Die Hochschule vermittelt vor allem Kernkompetenzen wie Singen, Theorie und Technik. Außerdem habe ich hier wertvolle Kontakte geknüpft. Themen wie die eigene künstlerische Identität, Selbstvermarktung und Eigeninitiative rücken erst nach dem Studium stärker in den Fokus.
Was lernt man in einem Gesangsstudium, was andere überrrascht?
Man lernt unfassbar viel über den Umgang mit sich selbst. Ich bin ins Studium gegangen mit dem Traum, irgendwann auf einer großen Bühne zu stehen und Teil eines Opernensembles zu sein. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mir diese Idealvorstellung im Weg steht. Das loszulassen hat mir geholfen meine eigene künstlerische Energie zu finden.
Ich musste lernen, die Musik einfach durch mich durchzulassen
Was möchtest du auf der Bühne erreichen?
Das hat sich gewandelt. Ich hatte schon immer ein starkes Mitteilungsbedürfnis, was auch kontraproduktiv sein kann. Ich muss lernen, einen Schritt zurückzutreten und die Musik in den Vordergrund zu stellen. Für mich ist es ein Körpergefühl, für das Publikum ein emotionales Erlebnis.
Wie gehst du mit Druck um?
Der Druck, den ich spüre, kommt hauptsächlich von mir selbst. Aber ich habe mich ganz gut darin trainiert, das nicht so an mich ranzulassen, weil ich genau weiß, dass meine eigenen Ansprüche an mich selbst ohnehin schon hoch genug sind. Diese versuche ich freundlich für mich selbst zu formulieren, denn es geht nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, besondere Dinge auf der Bühne zu kreieren.
Jeder ist an dem Punkt, an dem er steht, perfekt. Und jeder hat das Potenzial, sich weiterzuentwickeln.
Wie ist es mit Ablehung?
Das gehört in diesem Beruf dazu und gibt es ganz viel. Früher fiel mir Ablehnung deutlich schwerer, inzwischen kann ich besser damit umgehen. Das merke ich auch, wenn ich selbst Künstler*innen für meine Projekte auswähle. Ich denke dabei oft an einen Korb voller bunter Bonbons: Manche Sorten sprechen mich mehr an als andere und deshalb greife ich zu ihnen. Das bedeutet aber nicht, dass sie besser sind. Jeder Mensch bringt etwas Eigenes mit. Jeder ist an dem Punkt, an dem er steht, perfekt. Und jeder hat das Potenzial, sich weiterzuentwickeln.
Woran arbeitest du gerade?
Unter anderem habe ich mit einem Partner das „Thespis Ensemble“ gegründet. Unser Fokus liegt auf dem 20. Jahrhundert. Dabei kombinieren wir die Stücke zu einer Story. Außerdem trete ich mit meinem sechsköpfigen Ensemble „DELTA REAL“ auf. Das ist ein innovatives Konzertformat, das klassische Musik mit Interaktivität verbindet. Das Publikum kann Fragen an die Zukunft stellen. Die Antworten kommen von Figuren aus einer dystopischen Zukunftswelt, die wir auf Grundlage wissenschaftlicher Prognosen entwickelt haben. So entsteht nach und nach das Bild einer möglichen Zukunft – improvisiert, interaktiv und aus verschiedenen gesellschaftlichen Perspektiven erzählt. Die Stimmung, die entsteht, ist nie gleich und wirklich spannend.
Apropos innovativ: Findest du, dass Oper heute anders erzählt werden sollte?
Ich glaube, die Opernhäuser bemühen sich bereits darum, neue Wege zu gehen. Trotzdem gibt es nach wie vor Berührungsängste und elitäre Strukturen. Opernhäuser sollten Orte sein, die für alle offen sind. Viele Menschen würden diese Kunstform wahrscheinlich mögen, fühlen sich aber nicht angesprochen. Da gibt es noch Potenzial.
Wo siehst du dich in fünf Jahren?
Ich wünsche mir eine vielseitige Karriere. Ich möchte meine Ensembles weiterentwickeln und gleichzeitig mehr unterrichten. Mein Traum wäre ein eigenes Studio mit schöner Atmosphäre, vielleicht sogar hier in Karlsruhe.
Musiker*innen sollte es immer um das „Warum" gehen
Was möchtest du jungen Künstler*innen mitgeben?
Eine gewisse Offenheit, Neugier und den Mut, neue Sachen auszuprobieren. Man muss sich während des Studiums noch nicht festlegen. Außerdem ist es wichtig wegzukommen von dem toxischen Perfektions- und Konkurrenzgedanken hin zu einem sozial engagierten Gedanken. Musiker*innen sollte es immer um das „Warum“ gehen. Das hat so viel Potenzial. Es öffnet neue Wege und das wünsche ich mir.
Hier das Interview mit Julika Hing als Audioversion: