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Kunstschaffen als sicherer Raum:

Wie Theater bei der Integration ukrainischer Jugendlicher in Karlsruhe

© Yanina Derkach

Von Yanina Derkach am veröffentlicht.

Kunstschaffen als sicherer Raum: Wie Theater bei der Integration ukrainischer Jugendlicher in Karlsruhe hilft

Mit dem Beginn der Kriegshandlungen in der Ukraine hat sich das Leben von Millionen Menschen für immer verändert. Für junge Menschen, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, und die in einem fremden Land mit einer Sprachbarriere konfrontiert sind, wird die Suche nach gegenseitigem Verständnis zu einem Schlüsselfaktor der Anpassung. Das Projekt „Art Wohnzimmer“ (ukr. „Арт-Вiтальня“) in Karlsruhe wurde genau zu dem Ort, an dem Kunst hilft, Ängste zu überwinden und Unterstützung zu finden.

Wir haben mit der Gründerin und Leiterin des Projekts Alexandra Walker über ihren persönlichen Weg der Emigration, die Kraft der Theaterpädagogik und darüber gesprochen, warum Sprachfehler kein Hindernis für menschliche Wärme sind.

Persönliche Erfahrung: vom „Experiment“ zur Anerkennung

Alexandra, Ihr eigener Weg in Deutschland begann lange vor der Gründung des Projekts. Erzählen Sie uns, wie Sie hier gelandet sind?

Alexandra Walker: Ich heiße Sascha, aber mein vollständiger Name ist Alexandra. Für Deutsche ist es manchmal sehr schwer zu erklären, aber ich bin gleichzeitig sowohl Sascha als auch Alexandra, das waren meine allersersten Schwierigkeiten.

Der Umzug nach Deutschland im Jahr 2012 wurde für mich zu einem Experiment. Ich wurde in Moskau geboren, wo ich 25 Jahre gelebt und die Schauspielabteilung des Internationalen Slawischen Instituts abgeschlossen habe. Dank meines Vaters hatte ich von Kindheit an die doppelte Staatsbürgerschaft, aber Deutsch konnte ich überhaupt nicht. In der Familie kommunizierten die Eltern in einer Mischung aus Englisch und Russisch, da Papa Russisch nicht erlernt hatte und meine Mutter eine schwere Hörbehinderung hat. Ich habe Karlsruhe gewählt, weil nach dem Tod meines Vaters meine schwerhörige Mutter und meine jüngere Schwester hierhergezogen sind. Im Jahr 2012 gab es hier noch nicht jene Welle der kreativen und oppositionellen Emigration, die nach dem Beginn des großflächigen Krieges hereinbrach, weshalb ich mich wegen der Anpassung sehr einsam fühlte. Dennoch dauert dieses „Experiment“ bis zum heutigen Tag an. Und als die Welt im Jahr 2022 endgültig Kopf stand, wurde ich nur darin bestärkt, wie richtig meine Wahl war, aus Russland wegzugehen.

Wie war es für eine diplomierte Schauspielerin, in einer neuen sprachlichen Umgebung ganz von vorn anzufangen?

Alexandra Walker: Das war ein unglaublich langer und erschöpfender Weg. In Karlsruhe war es, im Unterschied zu Berlin mit seinem berühmten Theater Gorki, auf der Bühne ohne perfekte Deutschkenntnisse zu spielen praktisch unmöglich. Mir wurde mehr als einmal gesagt: „Lass dieses Vorhaben, was bist du schon für eine Schauspielerin? Du sprichst kein Deutsch, was willst du hier machen?“.

Aber meinen Beruf wegzuwerfen und einfach in einem anderen Bereich ganz neu anzufangen konnte ich nicht, ich hatte nicht den geringsten Wunsch danach. Ich habe mein Diplom übersetzen lassen und angefangen, intensiv die Sprache zu lernen, indem ich ständig mit Menschen kommunizierte. Ich schaffte es, eine Praxis als Regieassistentin im Kammertheater zu absolvieren und suchte ständig nach Projekten im Volkstheater Karlsruhe. Erst nach 5–6 Jahren habe ich genügend innere und äußere Ressourcen gesammelt, um ein Vorsprechen bei der ZAV in Stuttgart zu absolvieren — das ist eine spezialisierte Behörde bei der Bundesagentur für Arbeit in Deutschland, die sich mit der offiziellen Arbeitsvermittlung von professionellen Künstlern befasst und internationalen Fachkräften hilft. Für dieses Vorsprechen habe ich drei Monologe auf Deutsch vorbereitet — einen klassischen, einen modernen und einen komischen, und außerdem gesungen. Deshalb verstehe ich wie kein anderer diejenigen, die sich jetzt ganz am Anfang ihres Weges in einem neuen Land befinden.

Die Geburt der Idee: Theater als Werkzeug gegen die Angst

Wie transformierte sich Ihre professionelle schauspielerische Erfahrung in die Idee eines Integrationsprojekts?

Alexandra Walker: Beim Besuch von Integrations- und Sprachkursen bemerkte ich eine wichtige Sache. Viele der Angereisten aus den unterschiedlichsten Ländern kannten die Grammatik hervorragend und konnten fehlerfrei alle Regeln und Endungen aufschreiben. Aber sie konnten nicht sprechen! Sie hatten eine panische Angst davor, den Mund aufzumachen, einen Fehler zu machen, auf Spott zu stoßen oder mit einem starken Akzent zu sprechen.

Damals kam mir die Idee, das Erlernen der Sprache mit Schauspieltraining zu verbinden — schauspielerische Übungen, die Arbeit mit Stimme, Atmung und Körper als Werkzeug zu nutzen, das hilft, endlich zu sprechen und von der trockenen Theorie wegzukommen.

Zuerst habe ich diese Methodik einige Jahre erfolgreich angewendet, indem ich als Theaterpädagogin mit Jugendlichen aus den unterschiedlichsten Ländern gearbeitet habe. So habe ich die notwendige internationale Erfahrung gesammelt, das Projekt Art Wohnzimmer war für mich nicht das erste.

Wann entstand das Projekt „Art Wohnzimmer“?

Alexandra Walker: Am 24. Februar 2022 griff Russland die Ukraine an, ein Krieg brach aus. Kurz danach sprach mich Oli an, ein Bekannter von mir aus dem Bereich der Theaterpädagogik. Er fragte, ob ich nicht eine Theaterlabor für neu angekommene Jugendliche und Jugend aus der Ukraine leiten möchte. Natürlich kamen mir sofort enorme Zweifel: In welcher Sprache soll man leiten? Und wie werden die Menschen darauf reagieren, dass ich selbst aus Moskau stamme?

Trotz aller Ängste und des Zögerns beschloss ich zuzusagen. Und der Anstoß zur Gründung von „Art Wohnzimmer“ war genau der starke Wunsch, einen sicheren Raum für Jugendliche zu schaffen, die unfreiwillig ihr Zuhause verlassen haben. Ich verstand genau, dass ihr Umzug kein Urlaub und keine bewusste Wahl war. Ich wollte ihnen einfach eine geschützte, verlässliche Umgebung geben.

So entstand in Zusammenarbeit mit dem Kinder- und Jugendzentrum „KJH Südwest“ unsere Gruppe für Jugendliche im Alter von 13 bis 23 Jahren. Mir war es prinzipiell wichtig, dass sie sich in diesem sehr verletzlichen Alter wohlfühlen, kommunizieren, Erlebnisse teilen, sich einfach gegenseitig umarmen und mithilfe des Theaters ihre Kreativität ausdrücken oder Gedichte vorlesen können, damit es ihnen zumindest ein wenig leichter wird. Bei uns gibt es keinerlei Druck und keine Deadlines, wir sind ausschließlich auf den Prozess selbst orientiert.

Barrieren überwinden

Wie ist der Sprachaustausch innerhalb der Gruppe gestaltet? Sie haben ja erwähnt, dass Sie kein Ukrainisch konnten.

Alexandra Walker: Ja, ich spreche selbst kein Ukrainisch, ich verstehe nur einzelne Wörter. Einige Deutsche wundern sich darüber, weil sie fälschlicherweise denken, dass Russisch und Ukrainisch fast die gleiche Sprache sind. Das is absolut nicht so. Ich führe immer Deutsch und Niederländisch als Beispiel an: Vom Gehör her kann man ein paar bekannte Wörter aufschnappen, aber der allgemeine Sinn der Rede ist ohne das Erlernen der Sprache unmöglich zu verstehen.

In unserer Gruppe gibt es Jugendliche, die ausschließlich Ukrainisch sprechen. In den heutigen Realitäten halte ich das nicht nur für normal, sondern auch für äußerst wichtig — diese Unabhängigkeit der ukrainischen Sprache während eines Angriffskrieges. Wie kommunizieren wir also? Mittlerweile sprechen wir schon viel Deutsch, da die Jugendlichen es sehr schnell lernen, hier zur Schule gehen, an Universitäten studieren oder eine Ausbildung erhalten.

Anfangs sind wir oft ins Englische gewechselt, und die Jugendlichen, die sowohl Ukrainisch als auch Russisch können, haben für mich übersetzt. Es ist ein großartiges Gefühl zu erkennen, dass wir trotz aller schrecklichen Realitäten so eine tolle Zeit zusammen verbringen können. Wenn heute ein Neuling zu uns kommt, der überhaupt kein Deutsch kann, wird das kein Problem sein — die Gruppe wird immer unterstützen. Zudem mache ich selbst bis jetzt Fehler, wenn ich Deutsch spreche, das ist spürbar. Wir fühlen uns einfach sicher miteinander, und die Sprache ist hier ein Werkzeug für rein menschliche Verständigung.

Können Sie uns Geschichten von Teilnehmern erzählen, denen das Projekt geholfen hat, sich zu öffnen?

Alexandra Walker: Das Wertvollste für mich ist es, die Entwicklung der Jugendlichen zu beobachten. Eine sehr zurückhaltende Teilnehmerin saß in den ersten Monaten nur in der Ecke und beobachtete. Nach und nach begann sie sich zu öffnen und gewann an Selbstvertrauen. Heute übernimmt sie Verantwortung und liest sogar eine Rolle in unserer neuen Lesung.

Eine andere Teilnehmerin hat bei uns ihre Leidenschaft als Dramaturgin entdeckt und das Skript dafür geschrieben. Wir bereiten gerade eine szenische Lesung vor – das ist eine Textlesung für das Publikum, aber mit vollen Emotionen und echten Elementen des Schauspiels. Der Fokus liegt auf Text und Emotionen statt auf einer voll inszenierten Aufführung. Das hilft den Jugendlichen, sich intensiv und sinnvoll mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen.

Werte und Blick in die Zukunft

Wo genau seid ihr ansässig und welche Werte vermittelt eure Theater-„Familie“?

Alexandra Walker: Derzeit treffen wir uns jeden Montag von 17:00 bis 18:30 Uhr im Jugendzentrum „LA ViE“ in Karlsruhe. Die Atmosphäre des Queer-Zentrums ist von Anfang an auf vollständiger Akzeptanz aufgebaut, das beeinflusst die Philosophie unserer Gruppe stark: Es lehrt Respekt und Toleranz.

Wovon träumen Sie auf lange Sicht?

Alexandra Walker:  Wenn man von großen Träumen spricht, dann wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass in Karlsruhe so etwas wie ein „ITK“ entsteht — ein Internationales Theater Karlsruhe. Unsere Stadt ist sehr international, deshalb fehlt ein wirklich internationales Theater. Ich kenne viele talentierte Künstler aus verschiedenen Ländern, die dieses Projekt zusammen mit mir starten könnten. Im Rahmen dieser Plattform träume ich davon, groß angelegte Crossover-Formate zu entwickeln: sozial-kreative Performances, interaktive Projekte für die Community, Arbeit mit erwachsenem Publikum, Literaturabende und spezielle Workshops zur Stimmentwicklung und zum Abbau von körperlichen Blockaden.

Alexandra, was können die Einwohner von Karlsruhe schon heute für euer Projekt tun?

Alexandra Walker: Das Beste, was man tun kann — einfach über uns zu sprechen! Es Freunden und Bekannten erzählen. Unsere Türen stehen offen: Jeder Interessierte kann am Montag um 17:00 Uhr im „LA ViE“ bei uns vorbeischauen und sehen, was wir machen. Und natürlich hoffen wir sehr auf die Fortsetzung der finanziellen Unterstützung unseres Projekts.

Wissen Sie, mir selbst fällt es oft schwer, die richtigen Worte für Menschen zu finden, deren Heimat vom Krieg überzogen ist. Aber ich möchte, dass alle ukrainischen Jugendlichen und jungen Menschen in Karlsruhe wissen: Ihr seid hier herzlich willkommen, und ihr seid nicht allein, solange es diejenigen gibt, die bereit sind, euch zu unterstützen. „Art Wohnzimmer“ ist hier, wir sind nah. Hier, in Karlsruhe, ist jetzt mein Zuhause, hier wurde meine Tochter geboren, hier ist meine Arbeit, meine lieben Freunde. Ich liebe diese Stadt aufrichtig und bin dem „KJH Südwest“ und Elli Schneider unendlich dankbar für die Möglichkeit, diese Arbeit zu machen. Genau sie gibt mir selbst die Gewissheit zurück, dass unsere Welt noch nicht völlig verloren ist.

 

© Yanina Derkach

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