Komponist Yangkai Lin im Gespräch
"Man sollte den Mut haben, Verrücktes auszuprobieren."
© Jamie Hutterer
Von China nach Karlsruhe: Kompositionsstudent Yangkai Lin spricht über seinen kreativen Arbeitsprozess, Inspiration im Alltag und darüber, nie die Experimentierfreude zu verlieren.
Du hast schon früh angefangen, Cello und Klavier zu spielen. Hat Musik in deiner Familie eine große Rolle gespielt?
Ja, meine Eltern sind beide Musiker. Sie haben sich an der Musikhochschule kennengelernt, an der mein Vater jetzt als Theorieprofessor arbeitet. Meine Mutter spielt Klavier und Flöte, mein Vater kann ein bisschen Klavier und Guqin spielen. Das ist ein traditionelles chinesisches Instrument mit sieben Saiten.
Wie bist du zum Komponieren gekommen?
Mein Vater hat selbst Komposition gelernt, er hat mich sehr beeinflusst. In meiner Jugend habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, Komponist zu werden. Lange war es aber mein Ziel, Cellist zu werden. Meine Cello-Lehrerin hat mir das Kompositionsstudium vorgeschlagen. Ihrer Meinung nach hatte ich nicht genug Geduld, um den ganzen Tag im Probenraum zu sitzen. Außerdem hat sie gesehen, dass ich schon damals viele musikalische Einfälle hatte. Ich mag Cello immer noch sehr und spiele bei vielen Projekten der Karlsruher Musikhochschule mit. Ich glaube, würde man mir jetzt ein Cello-Studium anbieten, würde ich Ja sagen.
Warum hast du dich für ein Studium in Deutschland entschieden?
Meine Eltern waren der Meinung, ich sollte China für mein Studium verlassen. Ich persönlich finde Europa viel entspannter als China und die Lehre hier gefällt mir einfach besser. Zwei Jahre bevor ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich angefangen, Deutsch zu lernen. Als ich bei der Aufnahmeprüfung war, konnte ich schon einige Sätze bilden.
© Jamie Hutterer
Yangkai Lin mit seinem Cello
Wie ist dein Prozess beim Komponieren?
Zuerst mache ich Skizzen von allem, was mir in den Kopf kommt. Normalerweise landen diese Skizzen aber nicht in ihrer Ursprungsform im fertigen Stück. Ich experimentiere auch viel mit Effekten. Am Ende klingt das Stück also oft etwas anders als gedacht. Bei mir ist auch nicht jeder Tag genau durchgeplant, denn ich finde es schwierig, streng nach Zeitplan zu komponieren.
Woher nimmst du Inspiration?
Im Alltag begegnen mir immer wieder spannende Geschichten. Mich inspirieren viele Dinge, mal sind es Gedichte, mal ist es eine schöne Erinnerung an eine Reise. Ich war in letzter Zeit oft in Paris. Dort hatte ich viel Zeit, um in Cafés zu sitzen und die Atmosphäre zu genießen. Das hat mich letztes Jahr dazu inspiriert, ein Stück über eine Straße in der Karlsruher Oststadt zu schreiben. Es heißt: „Die Dächer in der Georg-Friedrich-Straße sehen ein bisschen aus wie in Paris.“
Welche künstlerischen Zusammenarbeiten sind dir wichtig?
Wir haben an der Musikhochschule eine Kooperation mit der Hanns-Eichler-Hochschule in Berlin, bei der von jeder Hochschule drei Komponisten ausgewählt werden. Oft ist das eine gute Chance, um zu experimentieren, weil die Besetzungen eher ungewöhnlich sind. Außerdem werden wir dieses Jahr wieder am R!SK-Festival teilnehmen. Das ist ein Festival für Neue und experimentelle Musik in Karlsruhe, das von Studierenden organisiert wird.
Wie reagiert das Publikum auf deine Werke?
Ich glaube, jedes Publikum hat eigene Reflexionen zu einem Stück. Manchmal kommt jemand nach einem Konzert zu mir und sagt, dass es ihm gefallen hat. Man weiß natürlich nie, ob die Person dann wirklich ehrlich ist, aber das ist mir auch nicht so wichtig. Dazu fällt mir eine Aussage von Wolfgang Rihm ein: „Manchmal kann das Kompliment vom Publikum in einer Weise beleidigend sein.“ Das finde ich manchmal auch wahr. Die Leute sind heute respektvoller oder vielleicht eher konfliktvermeidender.
Welchen Herausforderungen begegnest Du als angehender Komponist?
Es gehen nicht mehr so viele Leute zu Live-Konzerten, das Publikumsalter ist deutlich höher. Das trifft natürlich besonders die zeitgenössische Musik, denn wir haben sowieso schon weniger Publikum als andere Genres. Ein Problem, dass ich auch bei mir selbst sehe, ist, dass viele Komponisten heute zurückhaltender sind als früher. Ich finde es wichtig, dass man den Mut behält, auch mal etwas Verrücktes auszuprobieren.