Verdis "La Traviata"
Neue Produktion auf der Bregenzer Seebühne
© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler
18.07.2026, Vorpremiere. Alles blitzt, funkelt und flackert. Der Regisseur Damiano Michieletto orientiert sich bei seiner Inszenierung an F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby und verlegt die Handlung der Oper von Mitte des 19. Jahrhunderts in die wilden 1920er Jahre. Wohl ein Versuch, mit der so in sich gekehrten Oper einen größeren Affektgehalt auf der weitläufigen Seebühne der Bregenzer Festspiele zu erzielen. Die Umsetzung überzeugt jedoch nur partiell.
Tobit Rohner, Guide der Bregenzer Festspiele, erkennt die Schwierigkeit ebenfalls:
Die vom Weg Abgekommene
La Traviata von Giuseppe Verdi erzählt die tragische Liebesgeschichte der an Tuberkulose erkrankten “Kurtisane” Violetta Valéry und des jungen Alfredo Germont. Der zersplitterte Spiegel dient als abstraktes Bild für die innere Zerrissenheit der Protagonistin. Paolo Fantin hat mit seinem Bühnenbild einen Schauplatz für die intimen Momente Violettas und gleichzeitig einen Party-Salon der Pariser Highsociety geschaffen. Aufgrund des Niedrigwassers im Bodensee, wurde erstmals ein Extra-Becken mit gefiltertem Bodenseewasser vor die Bühne gebaut, das mit bunten Badekappen und aufblasbaren Luftmatratzen von den Darsteller*innen belagert wird.
Zur Bühne hat Tobit Rohner noch weitere Details:
© Can-Bastian Paul
Die Seebühne von der Seite
Akt 1
Das Präludium beginnt und Violetta betritt die Bühne mit einem Spiegel in den Händen. Sie schaut sich um, betrachtet sich und wirft den Spiegel schließlich ins Wasser. Die Party geht los. In bunten Kostümen und mit ausgefallenen Choreografien zeigt die Inszenierung, dass diese Oper auch große Bühne kann. Für den Moment, jedenfalls. Mit den Kostümen von Carla Teti füllt die reichlich besetzte Pariser Gesellschaft, die sonst so triste Bühne mit Leben. Das Trinklied Libiamo ne’ lieti calici bleibt so nicht nur ein Ohrwurm, sondern wird zu einem, dem man auch gerne zusieht. Ende des ersten Aktes singt Violetta ihre großen Arie Ah, fors’è lui und Sempre Libera, in denen sie über die Liebe sinniert, ihr bisheriges Leben hinterfragt und beschließt, dieses nun in vollen Zügen zusammen mit Alfredo genießen zu wollen. Julia Muzychenko singt die von gewaltigen Sprüngen und spielerischen Koloraturen geprägten Arien präzise, kontrolliert und gleichzeitig mit so viel Spielfreude, sodass die unsauberen Sprünge gegen Ende nicht so sehr ins Gewicht fallen. Auffällig: Die Arie Ah, fors’è lui beginnt Violetta dort zu singen, wo sie später sterben wird - Auf einer einsamen kleine Splitter-Insel vorne im „Plantschbecken“. Durchaus vorhersehbar. Hier beendet sie ihr Pariser und später ihr gesamtes Leben.
© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler
Spiegel implodiert
Akt 2
Ein Spiegel-Splitter klappt sich nach vorn und wird zum Balkon des Landhauses von Alfredo und Violetta. Während Alfredo das Wohnzimmer - wenig subtil - violett streicht, verkauft Violetta derweil ihre gesamten Besitztümer, um sich das gemeinsame Leben finanzieren zu können. Alfredo ist außer sich als er das erfährt und macht sich auf nach Paris. Der violetten Wand schleudert er vorher aber noch einen Kübel weißer Farbe entgegen. Wenig eindrucksvoll. Eher pubertär.
Eine glückliche Unbekannte, die mit zarter Hingabe liebt
© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler
Projektion auf zersplittertem Spiegel
Violetta akzeptiert die Forderung des Vaters, Alfredo zur Rufwahrung seiner Familie zu verlassen. Nach gut 40 Minuten Kammerspiel, kommt nun endlich wieder das, was diese Bühne so braucht: Viele Menschen und viel Tamtam. Wir sind zurück in Paris und Alfredo ist Violetta auf eine Party gefolgt. In seiner Unwissenheit, warum sie denn gegangen sei, fleht er um ihre Rückkehr. Seine Hoffnung schlägt jedoch schnell in Wut um, als sie ihm ein gegebenes Versprechen als Grund nennt. Er denkt, sie liebe Baron Douphol. In einem Akt der Demütigung, reißt Alfredo ihr aus voller Rachsucht das Glitzer-Kleid vom Leibe. Auf dem weißen Kleid darunter, ist eine kreisrunde schwarze Verfärbung auf Bauchhöhe zu sehen, die ein Vorzeichen ihres nahenden Todes und dramaturgisch einen Verweis darauf gibt, was wenig später hinter dem zersplitterten Spiegel hervortritt: Eine riesige schwarze Patronenkugel. Durchaus beeindruckend.
© Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann
Violetta vor der großen schwarzen Kugel
Akt 3
Ihr Leben neigt sich dem Ende. In ihrer berühmten Sterbe-Arie Addio del passato sitzt sie wie zu Beginn an der Bühnenkante und holt den inzwischen zersplitterten Spiegel wieder aus dem Wasser. Der Kreis schließt sich: Der zersplitterte Spiegel, die zersplitterte Bühne, die schwarze Kugel. In dieser Trümmerlandschaft erzeugt diese Arie pure Gänsehaut. Zart, schlicht, berührend. Alfredo hat inzwischen die Wahrheit erfahren und kommt nach Paris. In dem bewegenden Duett Parigi, o cara fallen sie sich in die Arme und träumen von einer gemeinsamen Zukunft.
Oh welche Freude, es ist vorbei
Für einen kurzen Moment kehrt Violettas Kraft zurück, bevor sie endgültig zusammenbricht und stirbt.
Nach Rigoletto (2019/2021) wurde erneut eine Verdi-Oper auf der Seebühne inszeniert, jedoch diesmal ohne den Reiz der Bühne voll auszunutzen. Musikalisch exzellent umgesetzt, gibt diese Oper bildlich nicht viel her. Auch die wilden 20er konnten das nicht retten.
© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler
Violettas Tod